Kanada

Das bessere Amerika. Das Land, in dem Ahornsirup und kristallklare Bäche fließen. Wo die Natur unendlich erscheint und sich in grünen Tälern, Millionen von Seen und schneebedeckten Berggipfeln verliert. Ein Staat, der sich von den Großen Seen Nordamerikas bis weit hinauf in den eisigen Norden erstreckt und nur wenige Kilometer vor Grönland endet. Ortschaften, die nur mit dem Wasserflugzeug erreichbar sind und selbst im Hochsommer nicht vor Schneegestöbern gefeit sind.

Das ist Kanada. Ein Land im XXL-Format – es könnte der Zwillingsbruder der USA sein. Und doch wirkt es völlig anders. Da sind die Menschen und eine Kultur, die auf uns beinahe europäisch wirkt. Bilingualität. Ein ausgeprägtes Sozialsystem. Weniger religiöser und politischer Fanatismus. Eine andere Vorstellung von Freiheit. Nah – und doch Welten voneinander entfernt.

Skyline of Toronto

Toronto. Das ist wohl die amerikanischste aller kanadischen Großstädte. Am Ontariosee gelegen, von weitläufigen Vororten umgeben, zieht sich ein Netz aus kilometerlangen, schnurgeraden Straßen durch die Stadt und ihre Metropolregion. Wie eine gewaltige Spinne sitzt Toronto in diesem Geflecht. Und überhaupt wirkt diese Stadt uramerikanisch: Gebäude aus Stahl und Glas strecken sich dem Himmel entgegen. Ein Fernsehturm der Superlative, der bis 2007 das höchste freistehende Bauwerk der Welt war.

Alles an dieser Stadt scheint aus Gold, als wir im spätsommerlichen Nachmittagslicht in Toronto ankommen. Die Fassaden reflektieren die tief stehende Sonne. Wir stärken uns mit Sandwiches und Root Beer. Am nächsten Morgen fahren wir mit der Fähre nach Toronto Island, während sich über der Stadt ein sommerliches Gewitter zusammenbraut. Zu unserem Glück vertreibt es die meisten Tagesgäste von der Insel. So schlendern wir vorbei an verlassenen Freizeitanlagen, einsamen Popcornständen, stillen Fahrgeschäften und menschenleeren Aussichtspunkten.

Am Abend ist das Gewitter vorübergezogen. Die Aussicht von der Insel hinüber auf die Skyline ist einmalig. Toronto scheint zu glühen, als hätten die Blitze die Stadt aufgeladen. Ein funkelndes Silbernugget – ein wahrer Schatz.

Maple Leaf Car in Toronto
Canadian Flags in Toronto
Skyline of Toronto

Szenenwechsel. Von der modernen Millionenmetropole Toronto in die beschauliche Landeshauptstadt Ottawa. Obwohl auch hier noch über eine Million Menschen leben, fühlt sich die Stadt deutlich provinzieller an. Es fehlen die Wolkenkratzer, die Staus, die Menschenmassen und die Fassaden aus Glas. Stattdessen bestimmen ein neugotisches Parlament und eine ikonische Kirche das Stadtbild. Der Ottawa River fließt mitten durch die Stadt und trennt damit nicht nur die Hauptstadt von der Gemeinde Gatineau, sondern auch die Provinzen Ontario und Quebec – und damit den englischsprachigen vom französischsprachigen Teil des Landes.

Wir lassen uns ohne Eile durch die Straßen treiben. Ein erster Hauch von Herbst weht zu uns herüber, die Temperaturen sind deutlich milder als noch in Toronto. Es ist ein Montagvormittag und in den Parks und auf den öffentlichen Plätzen sind nur wenige Menschen unterwegs. Ein paar Angler sitzen am Ufer des Ottawa River. Doch sie scheinen mehr der Ruhe und dem stetigen Fluss verfallen zu sein, als sich wirklich für ihren möglichen Fang zu interessieren.

Ottawa Church
Ottawa under Construction
Fisherman in Ottawa

Mit dem Greyhoundbus geht es tiefer hinein nach Quebec, den französischsprachigen Teil Kanadas. Und wir fühlen uns verlorener denn je. Zu unserer Überraschung spricht der Host unseres Airbnbs kein Wort Englisch – und wir sind des Französischen ebenso wenig mächtig. Auch viele andere Menschen, denen wir begegnen, sprechen, wenn überhaupt, nur gebrochen Englisch.

Die Temperaturen sind weiter gefallen, der September ist vorangeschritten. Immer wieder wechseln sich Sonnenschein und kurze Regenschauer ab. Montreal erscheint uns wie eine Mischung aus dem beschaulichen Ottawa und dem urbanen Toronto. Es gibt Hochhäuser und den Ansatz einer Skyline, doch alles wirkt kleiner und weniger imposant. Gleichzeitig erhebt sich auch hier eine große Kirche, die Notre-Dame de Montréal. Die Wege sind weit und anders als in Ottawa lässt sich die Stadt kaum noch zu Fuß erkunden. Doch irgendwie gewinnt Montreal unser Herz nicht. Wir wissen selbst nicht genau, warum. Es funkt einfach nicht.

Am Abend steigen wir auf den Mont Royal. Ein Stadtpark mit Berg oder ein Berg mit Stadtpark. Es gibt eine Aussichtsplattform und ein frei zugängliches Klavier. Jugendliche klimpern einzelne Töne, immer wieder spielt jemand einen Song von Leonard Cohen, dem wohl bekanntesten Sohn der Stadt. Wir schauen zu, wie die Nacht über Montreal hereinbricht und zu unseren Füßen ein kleines Lichtermeer erwacht.

Notre Dame de Montreal
Notre Dame de Montreal
Piano at Night in Montreal
Market in Montreal
Market in Montreal
Chili-Viagra on a market in Montreal
Market in Montreal
Skyline of Montreal

Mit den letzten Klängen des Pianos endet auch unser Trip durch Kanadas Metropolen. Ein so gigantisches Land verlangt natürlich nach einer Fortsetzung. Der unendliche Norden, hunderte Meilen lange Highways durch endlose Nadelwälder, türkisfarbene Bergseen und schneebedeckte Gipfel – für all das blieb diesmal keine Zeit.

Kanada mag landschaftlich weniger vielfältig sein als die USA, dafür besticht es durch seine Mischung aus nordamerikanischer Urbanität und europäischer Kultur, die sich in der Architektur ebenso widerspiegelt wie in der Sprache und den Menschen. Kanada ist nicht das bessere Amerika, wie oft mit einem Augenzwinkern behauptet wird. Es ist ähnlich – und zugleich ganz anders.

Da sind die Fastfoodketten, die übergroßen Autos und die endlosen Straßen durch unbesiedeltes Land. Aber da sind auch der starke frankophone Einfluss, ein ausgeprägter Sozialstaat und überhaupt ein anderes Mindset. Vielleicht ist Kanada deshalb kein Gegenentwurf zu den USA, sondern vielmehr deren ruhiger Bruder – gelassener, leiser und auf seine ganz eigene Art faszinierend.

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