Neuengland

Spätsommer an der Ostküste. Wir kommen aus dem Norden, haben in Kanada bereits einen ersten Hauch von Herbst erlebt. Morgendlicher Nebel über dunklen Seen, kühle Nächte und erste verfärbte Blätter am Straßenrand. Hier jedoch, in Boston, herrschen noch sommerliche Temperaturen. Die Luft ist warm, die Parks voller Menschen, und über den roten Backsteinfassaden liegt dieses goldene Licht, das nur die letzten Wochen des Sommers hervorbringen.

Also werfen wir uns in diese lebenswerte Großstadt, in der Vany ein Jahr nach dem Abitur als Au-pair verbracht hat. Es sind die letzten Tage unseres USA-Roadtrips, und wir sind müde geworden vom hohen Anfangstempo. Nach den gigantischen Eindrücken von New York City und den Niagarafällen sehnen wir uns nicht mehr nach Superlativen.

Boston ist deshalb der perfekte Abschluss: eine Stadt, die nicht mit ihrer Größe überwältigt, sondern mit Atmosphäre. Wir lassen uns treiben, laufen ohne Ziel durch Wohnviertel und kleine Straßenzüge. Es gibt weniger klassische Must-sees als noch in New York oder Washington. Stattdessen begegnet uns hier echtes Leben – so, wie es Millionen von Amerikanern führen. Menschen sitzen mit Kaffeebechern Parks, Studenten eilen über die Straßen, irgendwo spielt jemand Jazz auf einem Klavier aus offenen Fenstern.

Life is a Movie

Boston ist unglaublich reich an amerikanischer Geschichte, und wer möchte, kann sich hier in zahlreichen Museen und historischen Stätten verlieren. Boston Tea Party, Freedom Trail, Castle Island, USS Constitution, Bunker Hill Monument und noch vieles mehr – die amerikanische Revolution des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist hier allgegenwärtig. All diese Orte und Ereignisse lassen sich jedoch nicht einfach im Vorbeigehen konsumieren. Sie verlangen nach Zeit, nach einem sorgfältigen Studium der Fakten und Geschehnisse. Sie wollen eingeordnet und verstanden werden. Boston ist keine bunte, oberflächliche Instagram-Story. Boston ist gelebte amerikanische Geschichte. Boston ist das Fundament der amerikanischen Nation.

Auch wir besuchen einige dieser Orte, lassen uns zwischendurch aber immer wieder Zeit für ruhige Momente und gönnen unseren Köpfen eine Pause vom steten Strom aus Jahreszahlen und großen historischen Ereignissen. Wir genießen das studentische Treiben in Harvard University, füttern Eichhörnchen im Boston Common und suchen nach eher unscheinbaren Fotomotiven.

Boston Bridges
Squirrel in Central Park New York City
Trust in Boston
Windows in Boston

Ein runder Vollmond hängt über Boston. Die Nacht ist sommerlich warm, die Luft schwer vom Geruch des Flusses und der aufgeheizten Straßen. Vom anderen Ufer des Charles River spiegeln sich die Lichter der Bürogebäude und Industrieanlagen flimmernd im dunklen Wasser.

Ein verliebtes Pärchen genießt die Nacht am Wasser. Eine Flasche Wein, eine innige Umarmung. Die Augen auf die Sterne am Himmel und die funkelnden Lichter am gegenüberliegenden Ufer gerichtet. Das Fiedler Field liegt still und friedlich am Wasser. Hinter uns leeren sich langsam die Straßen und U-Bahnen. Ein paar Studenten ziehen lachend vorbei.

Wir bleiben noch eine Weile am Ufer sitzen und tauschen nur wenige Worte miteinander. Nach den vergangenen Wochen voller Eindrücke, gigantischen Metropolen und ikonischen Sehenswürdigkeiten fühlt sich dieser Moment seltsam leicht an. Fast so, als würde die Reise hier langsam ausatmen.

Public Park in Boston
Moon Over Boston
Boston Nights

Mit dem Mietwagen fahren wir hinaus aus Boston und steuern zunächst das Küstenstädtchen Salem an. An diesem Werktag im September sind die Straßen der Stadt wie leergefegt. Die Sonne scheint golden über uns, und die schmalen Strände im Norden liegen idyllisch ruhig da. Wir genießen unseren letzten Tag in den USA, bevor wir nach New York City zurückkehren, um von dort nach Hause zu fliegen.

So schlendern wir durch die Stadt, suchen nach Hexen und beobachten die Wellen des Atlantiks, wie sie sich an der rauen Küste brechen. Auf dem Rückweg nach Boston gibt es eine letzte zuckersüße Versuchung: Kaffee und Donuts bei Dunkin‘. Anschließend machen wir noch einen spontanen Abstecher zur Lynn Woods Reservation – einer fast schon schwedisch anmutenden Seenlandschaft direkt vor den Toren Bostons. Eine kurze Wanderung führt uns zu einem menschenleeren Stück Natur mitten im Wald. Der See vor uns leuchtet in einem beinahe unnatürlich klaren Blau.

Als der Nachmittag langsam endet, reihen wir uns in die Autoschlange Richtung Stadtzentrum ein. Beim Tanken noch ein wenig Smalltalk mit dem Tankwart – ganz lässig, ganz amerikanisch. Wir genießen diese Mentalität, die einen sofort wie einen Freund empfängt und keine Scheu vor Fremden kennt.

Salem Beach in Massachusetts
Grasshopper in New York City
Blue Lake in Massachusetts

Neuengland ist anders. Für uns Deutsche wirkt es fast schon vertraut: die moderne, aufgeräumte Architektur der Großstädte. Die Backsteinhäuser, der Charme des Alten. Geschichte und Historie liegen in der Luft, alles hat eine Bedeutung. Die Mentalität der Menschen, das Studentenleben, die Stadtkultur – es fühlt sich gar nicht mal so anders an. Und doch gibt es da die Unterschiede. Alles scheint etwas größer, etwas weiter, etwas höher zu sein. Die Natur ist ungezähmter, die Städte voller, die Cola süßer, die Autos breiter.

Neuengland pendelt zwischen europäischem Erbe und amerikanischem Größenwahn – und genau diese Mischung macht den Reiz dieser amerikanischen Region aus.