Niagarafälle
Morgens gegen sechs Uhr steigen wir aus dem Bus. Etwas orientierungslos streifen wir durch die Stadt, bis wir ein Tim Hortons finden und uns ein einfaches nordamerikanisches Frühstück schmecken lassen: Donuts und heißen, schwarzen Kaffee. Ersteres süß, Letzterer stark und bitter. Genau das Richtige, um schnell wieder zu Energie zu kommen und die langwierige Busfahrt der vergangenen Nacht abzuschütteln.
Mit einem heißen Kaffee in der Hand schlendern wir Richtung City Hall von Buffalo und setzen uns auf eine Parkbank neben gepflegte Blumenrabatten. Der alte Ford-Bus eines Nachrichtensenders ist prominent vor dem Rathaus geparkt. Während wir dort sitzen und die ersten Sonnenstrahlen des Morgens unsere Gesichter wärmen, öffnet sich die Schiebetür des Vans und ein verschlafener Mann blickt uns freundlich entgegen. Für welche News er hier wohl ausharrt?
Nach einer Weile biegt der Linienbus nach Niagara Falls – dem gleichnamigen Ort an den Wasserfällen – um die Ecke. Wir hieven unsere schweren Rucksäcke in den Bus und nutzen die kurze Fahrt, um die Augen noch einmal zu schließen und für ein paar Minuten wegzudösen.
Das Tosen der Wasserfälle, das Rauschen und Strömen, das Fließen und Wirbeln ist bis hinein in den Ort Niagara Falls zu hören. Es empfängt uns sofort, als wir den Bus verlassen, und lässt uns während unseres gesamten Besuchs nicht mehr los.
Wir stehen an der Absperrung und blicken hinab. Welch gewaltige Naturkraft dort waltet. Dort, wo das herabstürzende Wasser auf die Felsen trifft, explodiert es zu hoch aufsteigendem Sprühnebel, der wie eine Dampfsäule in den Himmel steigt. Touristenboote steuern scheinbar todesmutig auf die Wassermassen zu, Menschen in orangeroten Schwimmwesten drängen sich auf den Decks.
Ein gigantisches und beeindruckendes Schauspiel aus Azurblau. Uns gegenüber: die Skyline des kanadischen Touristenortes Niagara Falls, bestehend aus den Türmen von Hotels und Casinos.
In gelbe Regencapes gehüllt wandeln sie am Fuße der Niagara Falls. Feinste Wassertropfen spritzen ihnen ins Gesicht wie kleine Nadelstiche. Die Augen zusammengekniffen, die Lippen fest aufeinandergepresst. Sie rufen sich Worte zu, doch ihre Worte werden vom Tosen verschluckt. Das Dröhnen hüllt sie ein und schirmt sie von der Welt ab.
Eine sprudelnde Hölle, nasse Gewalt. Aufwinde und Nebelschwaden, ein reißender Strom. Sonnenlicht fällt auf vaporisierte Wassertropfen, bricht sich darin – und ein Regenbogen spannt sich über ihre Köpfe hinweg.
Allmählich holt uns die Müdigkeit der letzten, viel zu kurzen Nacht wieder ein. Die vielen Eindrücke verschwimmen langsam zu einem einzigen Rauschen – fast so, als hätte das Tosen der Niagara Falls selbst Besitz von unseren Gedanken ergriffen. Wir essen Sandwiches in einem einfachen Lokal in der Nähe und beobachten schweigend die anderen Gäste: Familien mit Kindern, Rentnergruppen mit Kameras um den Hals, glückliche Touristen mit nassen Schuhen und zerzausten Haaren.
Dann verlassen wir die USA über die Rainbow Bridge, die sich hoch über den Niagara River spannt. Dieser kurze Fluss bildet die Grenze zwischen Kanada und den United States und verbindet den Eriesee mit dem Ontariosee.
Während wir die Brücke überqueren, werfen wir noch einmal einen Blick zurück auf die aufsteigenden Nebelschwaden der Wasserfälle. Selbst aus der Entfernung wirkt alles unwirklich groß. Das Wasser kennt keine Grenzen, keine Nationen, keine Schlagbäume. Es rauscht einfach weiter, unaufhaltsam, seit Jahrtausenden. Dann erreichen wir kanadischen Boden. Hinter uns bleiben die Vereinigten Staaten, vor uns liegt ein neues Land. Doch das tiefe, dumpfe Grollen der Wasserfälle begleitet uns noch lange.
