Tunesien
Langsam füllt sich der Vorplatz am Hafen. Alte französische Kleinwagen mit tunesischem Kennzeichen. Sie sind schwer beladen: Am Steuer müde Männer, auf dem jeweiligen Beifahrersitz eine große Tasche. Rückbank und Kofferraum voll mit Waren, die es nur in Italien zu geben scheint. Auf dem Dach der Autos: Waschmaschinen oder Kühlschränke – oft nur mit dünnen Seilen gesichert. Dazwischen ein paar deutsche Geländewagen und Reisemobile. Und wir. Bereit, Wüstenluft zu schnuppern. Bereit, über das Mittelmeer nach Afrika zu schippern. Bereit für ein Abenteuer.
Als es dunkel wird und der Abend eine kühle Brise mit sich bringt, dürfen wir die Mittelmeerfähre befahren. Undurchdringliches Chaos, Hupen und auch der eine oder andere Rempler beim Einparken in den engen Schiffsbauch. Dann legen wir ab, verlassen das herbstliche Europa und fiebern dem warmen Sand unter unseren Füßen entgegen.
Fahles Sonnenlicht fällt zwischen Palmen und Olivenzweigen auf unser Auto hinab. Wir hören Hühner und das schläfrige Bellen der Wachhunde. In einer entfernten Küche klappern Kochtöpfe, irgendwo hat ein Roller eine Fehlzündung. Dazwischen idyllische Ruhe. Wir trinken frischen tunesischen Kaffee und essen noch warmes Brot. Dazu Käse und Datteln, Joghurt und eine Art süße Marmelade. Tunesien heißt uns herzlich willkommen.
Am frühen Nachmittag des letzten Tages sind wir in Tunis von Bord gegangen. Die Einreise – ein für uns ungeordnetes Unterfangen – hatte zwei Stunden gedauert. Der Berufsverkehr und die planlose Suche nach SIM-Karten hatten noch mehr Zeit verschlungen, sodass wir im letzten Licht des Tages Tunis verlassen hatten und auf einer Autobahn Richtung Südosten gerollt waren, bis wir einen Campingplatz bei Testour erreichten.
Nach dem Frühstück fahren wir durch verlassene und stille Häusergassen – manche so eng, dass wir zentimetergenau rangieren müssen. Wir erkennen kein System im Labyrinth der Altstadt – Google Maps ist genauso orientierungslos. Aber irgendwie müssen wir hier durch, um zurück zur Hauptstraße zu kommen.
Plötzlich umringt uns eine Masse von Menschen. Wir können nicht mehr zurück, der Weg nach vorn ist von einem Lkw blockiert, links und rechts sind Marktstände aufgebaut, um die herum sich die gesamte Bevölkerung dieser Stadt versammelt zu haben scheint. Es hilft alles nichts – wir folgen einem kleinen Peugeot durch die Menschenmenge. Ohne uns Beachtung zu schenken, weichen die Menschen langsamen Schrittes nur genau so weit vor unserem Auto zurück, dass sie von unseren Seitenspiegeln nicht erfasst werden. Auch wenn sich aus der Menschenmenge vor uns plötzlich ein entgegenkommendes Auto herausschält, trägt uns der menschliche Fluss sanft daran vorbei. Alles geschieht im Schritttempo, Verkehr und Fußgänger sind hier zu einem Ganzen verschmolzen.
Gerade Landstraßen führen über karge Landschaften. Durch Olivenhaine, durch Steppen. Ein endloser, fleckiger Himmel. Ein trostloser Ort nach dem anderen, Mittagsruhe, immerwährende Stille. Einen Berg hinauf – dann liegen sie vor uns: zahlreiche antike Ruinen. Eine ehemals glorreiche Stadt.
Als das Römische Reich seinen Höhepunkt erreicht hatte und sich weit über das Mittelmeer hinaus ausgedehnt hatte, war Thugga eine bedeutsame Stadt. Es gab ein Theater und ein großes Forum. Tempel, um den heiligen Göttern zu huldigen. Bäder und Thermen, Sklavenmärkte und reich verzierte Villen.
Niemals endende Straßen führen uns weiter in den Süden des Landes – immer geradeaus, immer dem Horizont entgegen. Irgendwann tauchen neben uns sanfte Hügel auf, ausgetrocknete Flussläufe und karges Steppengrün. An den Überresten einer vermutlich antiken Brücke machen wir Halt für eine Kaffeepause. Die Brücke selbst entpuppt sich als Treffpunkt für benebelte Stunden im Verborgenen. Alkohol ist in Tunesien zwar nicht verboten, aber auch nicht unbedingt leicht zu bekommen. Doch hier, neben den uralten Brückenpfeilern, geschützt vor den Blicken der vorbeibrausenden Autofahrer, türmen sich Bierflaschen in mattem Grün. Es riecht nach Gärung und Urin.
Etwa ab der Mitte des Landes wandelt sich die Landschaft immer stärker, metamorphosiert zu einer Wüste aus Stein und Staub. Die Straßen bleiben gerade Striche durch Gelb und Braun, bis sie sich in Form von Zickzacklinien Berg- und Hügelketten hinauf- oder herabschlängeln. Es herrscht nur wenig Verkehr. Wenn dann aber doch ein großer Lastwagen aus der Ödnis auftaucht, versetzt er die Welt in Brummen und Vibrieren. Zwischen all diesem Nichts liegt die Stadt Redeyef. Wie ein Feld aus Steinen fügen sich ihre Häuser in die Wüste ein. Die Tankstellen haben nur sporadisch Sprit, das einzige Restaurant, das am Mittag geöffnet scheint, verkauft fetttriefende Brathähnchen.
Vom Bahnhof in Redeyef führt eine staubige Piste in die Hügel vor der Stadt. Spuren auf der Fahrbahn und die Breite der Trasse zeugen von riesigen Maschinen. Tatsächlich begegnen uns wenige Kilometer später gigantische Minenfahrzeuge und Bagger – der Phosphatabbau ist in dieser staubig-heißen Gegend die größte und vielleicht einzige Einkommensquelle. Eine wunderbar asphaltierte Straße bringt uns an den Rand eines Felsplateaus. Die Straße führt hinab ins Tal, schlängelt sich durch den Stein, um sich irgendwo dahinter zu verlieren. Es ist die Rommelpiste – bei Offroadern wegen ihrer Aussichten eine beliebte Passage, einst in den 1950ern vom französischen Militär errichtet.
In Anbetracht der phänomenalen Aussicht, die vor uns liegt, haben wir keine Lust mehr, der Piste zu folgen. Stattdessen suchen wir uns am Rande der Abbruchkante einen geschützten Ort für die Nacht. Während die Sonne goldfarben versinkt und dem Abend die schönsten Farben entlockt, verlieren wir uns im magischen Moment. Wäre kein Wind zu hören, wäre die Stille perfekt. Wenn sich ein Auto unter uns die Straße hinaufquält, werfen seine Scheinwerfer lange Lichtkegel in die bald einfallende Nacht. Mit dem letzten Sonnenstrahl, der es über die Felswände schafft, schließen wir unsere Augen im Dachzelt.
Nach einer ruhigen Nacht in unserem steinigen Paradies besuchen wir ein Fleckchen grüner Landschaft inmitten dieser kargen Wüstenei. Direkt an der algerischen Grenze liegt die Mides-Oase. Ein tiefer Canyon verläuft an ihr vorbei – wenn es im Winter regnet, können zehn oder gar zwanzig Meter tiefe Sturzfluten durch die felsigen Schluchten branden.
Die Oase selbst ist ein Refugium. Datteln und Orangen gedeihen dort. Ein vor rund fünfzig Jahren verlassenes Dorf zerfällt unter dem stetigen Wind, dem seltenen Regen, der ständigen Sonne, dem Vergessenwerden. Der Staat hatte die wenigen Bewohner dieser Altstadt in ein neu geschaffenes Dorf umgesiedelt, etwa fünfhundert Meter von hier entfernt. Ein paar Touristen kommen täglich her. Als wir süßen Tee im Schatten eines Cafés trinken und dabei Käse und frisch gepflückte Datteln essen, fällt eine Gruppe französischer Pauschalurlauber in die Stille der Oase ein: Sie entsteigen etwa einem Dutzend weißer Toyota Land Cruiser, machen ihre obligatorischen Schnappschüsse und sind innerhalb weniger Minuten wieder verschwunden.
Die eben noch hervorragend asphaltierte Straße verschwindet plötzlich unter Sandverwehungen, taucht fünfzig Meter weiter wieder auf, nur um sofort erneut zu verschwinden. Der Staub ist geblieben, doch Steine und Geröll sind dem Sand gewichen. Wir scheinen eine unsichtbare Linie überquert zu haben, denn nun empfangen uns die Vorläufer der Sahara. Hier, am Salzsee Chott el Rahim, ist der Sand noch nicht so fein und gelb wie weiter im Süden. Er ist grob wie feines Granulat und eher rötlich.
Wir passieren eine Reisegruppe deutscher Reisemobilisten, denen wir bereits auf unserer Fähre begegnet waren. Sie campieren im Schatten einer Düne. Kurz darauf erreichen wir Mos Espa, einstiger Drehort und Filmkulisse des gleichnamigen Fantasieortes in Star Wars. Doch an den Glanz Hollywoods erinnert hier nichts mehr. Jahrzehntelang der Witterung ausgesetzt, zerfallen die Kulissen zu traurigen Klumpen. Bettler und Steinrosenverkäufer, Kamelführer und Kinder bitten um Geld oder zumindest um den Kauf ihrer Waren. Sie scheinen verzweifelt, sind hartnäckig, ihre Kleidung sichtbar zerschlissen. Während andernorts mit Markenrechten und Vergnügungsparks Millionen verdient werden, verkümmert diese authentische Kulisse zu einem deprimierenden schwarzen Loch.
Es wird Zeit für unsere erste kleine Wüstenfahrt – gezwungenermaßen. Die Piste, die zum kleinen Salzsee Chott Chtihatt Sghat führt, entpuppt sich als kaum befahrbare Wellblechpiste. So steuern wir unseren Hilux in den weichen, rotbraunen Sand. Staub wirbelt hinter uns auf, die Sonne steht tief, die Reifen fliegen über den Untergrund.
In der Nähe des kamelförmigen Felsens Ong Jmal schlagen wir unser Nachtlager auf. Wir besteigen den Berg in einem Moment der Stille. Als wir herabkommen, brausen im Minutentakt weiße Toyota Land Cruiser an uns vorbei. Sie karren Touristen zum Sonnenuntergang heran. Touristen aus den Badeorten an der Ostküste, die für zwei, drei Tage ihre vermeintlich sichere Hotelburg verlassen, um ein wenig vom „echten“ Tunesien kennenzulernen.
Als der Mond sichelförmig über uns steht und sich das letzte Gold des Tages in ein tiefes Blau der Nacht wandelt, kehrt Ruhe ein am Kamelfelsen. Wir hören die Gespräche zweier Männer, etwa einen Kilometer von uns entfernt, in einer kleinen Snackbar, die tagsüber den Touristen kalte Getränke serviert. Die Nacht bleibt friedlich.
Am Rand von Tozeur wachsen unzählige Dattelpalmen auf Plantagen. Es ist eine grüne Oase am Rande der Sahara. Bunte Blumen wuchern über Mauern und versprühen einen leichten, süßen Duft. In der Medina wechseln sich liebevoll hergerichtete mit dunklen, zerfallenen Gassen ab. Man spürt einerseits, dass die Bewohner von Tozeur daran arbeiten, ihre Stadt für den Tourismus herauszuputzen; gleichzeitig fehlt es ihnen aber oft an Geld und Mitteln. Reichtum begegnet man hier im Osten und Süden des Landes nur äußerst selten. Es ist eine arme Mittelschicht, die hier lebt und auf bessere Tage wartet. Neben dem Tourismus sind die Einnahmequellen begrenzt, die Zukunftsaussichten ungewiss. Wer kann, der geht.
Links und rechts von uns erstreckt sich eine Fläche weißen, getrockneten Salzes. Ich stecke einen Finger in die harte Kruste, schmecke das Salz, schmecke den Boden dieses Landes. Große Förderfahrzeuge graben sich durch die Oberfläche und fördern das Salz. Eine gerade Straße wurde durch den Chott el-Jerid gebaut. Früher zogen Handelskarawanen über den Salzsee – immer wieder brachen Menschen oder Kamele auf den dünnen Schollen ein und versanken im konservierenden Sumpf. Eine neuzeitliche Legende oder historische Tatsache? Nichtsdestotrotz stellen wir uns all die Leichen vor, die vielleicht noch unter der Oberfläche lagern. Das Weiß des Salzes reflektiert das Sonnenlicht; es brennt in den Augen.
Am nächsten Morgen brechen wir von Douz, dem Tor zur Sahara, zu unserer dreitägigen Wüstenreise auf. Etwa eine Stunde folgen wir einer asphaltierten Landstraße. Immer wieder verschwindet sie unter mal größeren, mal kleineren Sandverwehungen. Irgendwann ist sie völlig verschwunden. Unsere Reifen haben ersten Kontakt mit pudrig-feinem, weißem Saharasand. Die Straße taucht etwa einhundert Meter links von uns für einen kurzen Moment wieder auf, dann wird sie von einer großen Düne verschluckt. Immer mal wieder ragen alte Straßenschilder aus dem Sand hervor und markieren den ungefähren Verlauf der Straße. Sie war wohl nicht wichtig genug, um gegen den Sand der Wüste verteidigt zu werden.
Nach kurzer Fahrt über Sand, Steine und sporadisch auftauchenden Teer gelangen wir zum Café du Parc. Ein einfacher, kleiner Imbiss am Rande der Wüste und Ausgangspunkt vieler Wüstenfahrten. Es gibt ein fettiges Mittagessen, bevor wir uns in das Sandabenteuer stürzen.
Den gesamten Nachmittag folgen wir erst steinig-sandigen Pisten, und je tiefer wir in die Wüste eindringen, desto länger werden die Etappen durch Sandfelder. Doch die Wüste hier in Tunesien ist kein einsamer Ort. Sie ist ein Abenteuerspielplatz für adrenalinhungrige Männer. Immer wieder kommen uns Gruppen von Geländewagen entgegen. Fast ausnahmslos breit grinsende, männliche Fahrer am Steuer, ihre Ehefrauen auf dem Beifahrersitz. Wir sind Teil dieses Erlebnisses. Während wir lachen und dank gut ausgestatteten Führers risikobefreit durch die Wüste fahren, liegt der Jebil-Nationalpark, in dem wir uns befinden, zugleich auf einer wichtigen Flüchtlingsroute. Schutzsuchende aus ganz Afrika versuchen, über die Sahara und auch Tunesien ans Mittelmeer und von dort nach Europa zu gelangen. Die Polizei- und Militärpräsenz hier ist hoch. Es gibt Zäune und Personenkontrollen.
Am Abend stehen wir auf einer Düne am Rand des Tembaine. Um uns herum: Sand und Dünen. Der Mond steigt rund und rot hinter dem Horizont empor. Die Dunkelheit bringt eine angenehme Brise mit sich. Die Stille wird allein durch das Knistern des Lagerfeuers gestört. In der Glut backt ein Fladenbrot für das Abendessen. Die Dünen werfen lange Schatten, dann wirft die Nacht ihr schwarzes Tuch über uns. Eine Polizeikontrolle schält sich aus dem dunklen Nichts, fragt nach unseren Papieren und verschwindet so lautlos, wie sie gekommen ist.
Der Sand der Wüste refkletiert Farben und Licht je nach Blickwinkel, sodass er mal Dunkelrot, mal Pastellgelb und ein anderes mal fast Weiß erscheint. Mal ist der Sand so fein und weich wie Puderzucker, mal ist er hart und festgefahren. Aus düniger Sandwüste wird eine holprige Steinpiste, dann eine karge Buschlandschaft. Mal ist das Land flach bis zum Horizont, dann erheben sich plötzlich Hühel und kleine Berge aus der Landschaft.
Als wir am Morgen aus dem Dachzelt klettern, sehen wir die Spuren dutzender Tiere auf dem Boden. Es sind die Spuren von Vögeln, Eidechsen, Schlangen, Skorpionen, Wüstenmäusen und gewiss noch weiteren Tieren. Die Wüste lebt, wenn auch im Verborgenen.
Wir wandern hinauf zum Tembaine, sehen von hier oben zwei Wüstencamps und eine kleine Kolonne von Geländewagen weit in der Ferne. Danach setzen wir unsere Reise fort. Wir probieren das Wasser aus der Tiefe eines Brunnens. Wir sehen wilde Kamele durch die sandigen Dünen ziehen. Eine gigantische Raupe von Reise-LKW zieht an uns vorbei – der Boden vibriert und der Lärm der etwa zwanzig Dieselmotoren ist ohrenbetäubend. Wir folgen einer kleinen Gruppe von französischen Geländewagen und stehen zur nachmittäglichen Gebetsstunde in einer alten, römischen Festung. Unter uns breitet ein Tunesier seinen Teppich zum Gebet aus, vor uns liegt zum Greifen nahe die grüne Oase Ksar Ghilane. Hier, in einer Sanddüne vor der Oase, werden wir die Nacht verbringen.
Ksar Ghilane ist voll von Quads, Pauschaltouristen und Reiseanbietern. Eine kleine Abenteueroase, ein Vergnügungspark, ein Luxuscamp am Rande der Wüste. Eine heiße Quelle war wohl der Auslöser dafür, dass sich immer mehr Angebote um die Oase herum ansiedelten.
Bevor die Sonne ihren Zenit erreicht, machen wir einen Kamelritt durch die Wüste – ein Wunsch unseres kleinen Mannes. Gemütlich trottet unsere kleine Karawane über die steilen Dünen. Immer wieder strecken unsere Reittiere die langen Hälse nach dem dornigen Gestrüpp am Boden und zermalmen es genüsslich, während sie uns auf ihren wackligen Rücken tragen.
Danach geht es für uns zurück nach Douz, wo wir uns von unserem Wüstenführer verabschieden. Auf dem Campingplatz duschen wir uns den Staub und Dreck der letzten Tage ab, kehren mehrere Pfund Sand aus unserem Auto und kehren der Wüste dann den Rücken.
In der Nähe des Berberdorfes Azrou sind wir am Vorabend einer ausgewaschenen Piste durch die Berge gefolgt. Am Ende haben wir auf einem abgeernteten Feld campiert. Wir würden gern länger bleiben, um die Ruinen alter Siedlungen in den Bergen zu Fuß zu erkunden. Doch unsere Vorräte sind aufgebraucht. Wir brauchen eine Stadt mit Supermarkt, brauchen Wasser und in absehbarer Zeit auch wieder Diesel. In den warmen Strahlen der Morgensonne lassen wir noch unsere frischgewaschene Kleidung trocken. Dann wühlen wir uns über den steinigen Weg zurück in die Zivilisation.
Im Schatten des Kolosses essen wir scharfe Peperoni und in Olivenöl gebratenes Gemüse. Ein Kamel döst am Straßenrand, sein Besitzer feilscht mit zwei Französinnen um einen Ritt und ein Foto auf dem Wüstenschiff.
Das Amphitheater von El Djem gehört zu den größten und am besten erhaltenen, die das Römische Reich hervorgebracht hat. Obwohl es nie wirklich fertiggestellt und genutzt wurde, überdauerte es die Jahrhunderte in einem guten Zustand. In der Nachmittagssonne werfen die hohen Ränge und Fensterbögen lange Schatten. Ein paar Kinder klettern in den abgesperrten Bereichen über unseren Köpfen. Es gibt keine Führungen, keine Informationstafeln, keine Audioguides. Nur nackten, verwitterten Stein und die Bilder in unseren Köpfen: Wie mag es hier ausgesehen haben, im Schein von Fackeln und marmorner Tribünen?
Es ist unsere letzte Nacht im Dachzelt. Wieder ein Salzsee, doch diesmal meinen wir, irgendwo am Meer zu stehen. Lange Palmen bieten uns Schutz vor dem Wind und dem nahen Dorf. Das Ufer besteht aus feinen Salzkristallen und weißem Staub. In der Nähe bellen Hunde. Am nächsten Morgen erstrahlt der Himmel so bunt wie ein Regenbogen. Es ist nicht einmal sechs Uhr, da weckt uns ein neugieriger Schäfer, der wissen möchte, wer oder was da auf dem Auto schläft. Bald darauf ziehen weitere Schafherden an uns vorbei. Dann kehrt wieder Ruhe ein.
Auf dem Weg zur Küste liegt eine der heiligsten Stätten des Islam: Kairouan. Sieben Besuche der dortigen Hauptmoschee sind so viel wert wie eine Pilgerfahrt nach Mekka. Natürlich wollen auch wir diese Stadt besuchen.
Die Altstadt ist verschlafen. In kleinen Läden mit offenen Türen erlangen wir tiefe Einblicke in den Alltag der Menschen. Wir sehen einen Bäcker, der den Teig für sein Fladenbrot in einer großen Schüssel knetet. Wir werden von einer Gruppe alter Männer mit Musikinstrumenten in ihren Laden gewunken. Sie zeigen auf die Fotografien längst vergangener tunesischer Sängerinnen und Oud-Spieler. Ein Weber erklärt uns seine Handwerkskunst. Dazwischen leuchten die weiß getünchten Fassaden der kleinen, schmalen Gebäude. Ihre Türen und Fenster strahlen in kräftigem Blau.
Die große Zentralmoschee von Kairouan ist das Heiligtum der Stadt. Der ausladende Innenhof, die Symmetrie und die Säulengänge erinnern an die Architektur persischer Moscheen. Über die Jahrhunderte wurde dieser Ort erweitert und angebaut, vergrößert und verschönert.
Zwei tunesische Studentinnen kommen plötzlich auf uns zu und bitten um ein Foto. Ich zeige ihnen das Bild auf dem Display meiner Kamera, sie nicken zufrieden. Dann fragen sie, ob wir Arabisch sprächen. Sie sind sichtlich erfreut, dass wir uns für die Moschee, die Stadt, ihre Menschen und überhaupt für Tunesien interessieren.
Auf dem Markt von Kairouan herrscht – im Vergleich zu den kleinen, lokalen Warenmärkten im Westen des Landes – eine angenehm chaotische Ordnung. Das Angebot reicht von Ramsch bis hin zu großartiger Handwerkskunst. Dinge, die man unbedingt braucht, und Sachen, die man niemals besitzen sollte. Zwischen bunten Teppichen, von denen man hier wohl nicht genug haben kann, und stumpfem Metallgeschirr sitzen alte Männer. Sie rauchen, trinken Kaffee und spielen auf abgewetzten Spielbrettern Dame. Sie kennen ihre Kundschaft und wissen, wann sich ein Lächeln oder ein freundliches „Hallo“ lohnt.
Bevor wir die heilige Stadt Kairouan verlassen, halten wir noch an der Moschee des Barbiers, zugleich Mausoleum von Sidi Sahbi, einem Weggefährten des Propheten Mohammed. Der Überlieferung nach trug er stets drei Haare aus dem Bart des Propheten bei sich – daher der Beiname dieses Ortes
Schnell haben wir uns im engen Gewirr aus Gängen und Treppen verlaufen und finden uns plötzlich im Gebetsraum wieder, der eigentlich nur Muslimen vorbehalten ist. Auch die Grabkammer von Sidi Sahbi bleibt uns als Nicht-Muslimen verwehrt; lediglich einen kurzen Blick können wir in die dunkle Kammer werfen, bevor uns der Sicherheitsmann wortlos weiterlotst. Ein Streifen Licht fällt durch ein schmales Fenster auf die gekachelten Wände – dann stehen wir wieder im hellen Innenhof, geblendet von der Sonne und einen Moment lang stiller als zuvor.
Szenenwechsel. Keine Wüste mehr, kein Staub, keine Berberdörfer, antiken Ruinen oder heiligen Moscheen. Stattdessen: ein Badeort, wie es ihn zuhauf auf der Welt gibt. Bunte Fischerboote am Stadtstrand, Souvenirshops in der Altstadt. Fischrestaurants entlang breiter Flaniermeilen. Etwas zu viel Verkehr, etwas zu rote Haut auf Nacken und Nasen der hellhäutigen Passanten. Hotelburgen und überdimensionierte Buffetsäle. Aus der Mode gekommene Abendgarderobe, das Sommerkleid, das allein für diesen Urlaub gekauft wurde. Ein Drink zu viel, zotige Sprüche, Abendprogramm. Pool und Meer, Beautybehandlung und Tagesausflug.
Für zwei Tage stürzen wir uns in diese unwirklich erscheinende Parallelwelt. Nachdem wir das gesamte Land bereist haben, müssen wir resigniert feststellen: Auch wir sind Teil davon. Im dicken Geländewagen fahren wir durch kaputte Straßenzüge und vorbei an Müllbergen. Wir bringen Geld, wir nehmen keinen Anteil, halten Abstand, sind leblose Geister. Wir versuchen, in Kulturen einzutauchen, können aber nur ein wenig an der Oberfläche kratzen und verstehen am Ende doch nichts. Ist es nicht ehrlicher, allein der Erholung wegen zu kommen? Ein bisschen mehr auszugeben, als man hat. Sich ein bisschen freier zu machen, als man ist. Eine Rolle einzunehmen und so zu tun, als ob – genau wie es das Personal in den Hotels tut. Heiterkeit und Amüsement vorzugeben und anzuerkennen, dass man sich für das Land nicht interessiert. Der Deal lautet: Erholung und etwas Flucht vom Alltag, dafür zwei sorgenfreie und perfekte Wochen.
Mit gemischten Gefühlen verlassen wir Hammamet.
Die Reise endet, wie so oft, wo sie begonnen hat. Wir haben uns etwas Zeit genommen, die Hauptstadt Tunis zu erkunden. Von unserem Hotel am Rand der Innenstadt laufen wir durch langweilige, aber quirrlige Wohnviertel. Hier versprüht die Stadt ein wenig internationalen Charme – es gibt vermeintlich internationale Küche (die sich dann oft doch als tunesischer Versuch fremdländischer Kulinarik entpuppt) und ein paar internationale Geschäfte.
Der Souk in Tunis ist ein unentwirrbares Labyrinth aus Gassen, voll von Geschäften, Straßenständen, Cafés, Restaurants und mittelalterlichen Befestigungsanlagen. Die Händler grüßen uns mit unaufdringlichen Blicken, zwischen den Tunesiern finden sich immer wieder verstreut kleine Grüppchen ausländischer Besucher.
Über den Dächern des Marktes trinken wir heißen Kaffee und atmen durch, bevor wir den Ausgang aus diesem Irrgarten suchen. Irgendwann finden wir ihn, und vor uns liegt der Monument Place de la Kasbah. Es ist der zentrale Ort der Stadt, umgeben von Regierungsgebäuden, tunesischen Flaggen und Denkmälern. Er ist menschenleer.
Wir tauchen erneut in den Souk ein, werden von ihm verschlungen, verdaut und in einem heruntergekommenen Wohnviertel wieder ausgeworfen. Hier zeigt sich Tunis von seiner dunklen Seite. Die Bewohner der Häuser sind auch hier freundlich zurückhaltend, doch dieser Ort ist nicht für die Augen von Touristen bestimmt. Müll in den Ecken der engen Gassen. Es stinkt nach Fäkalien. Katzenbanden – verlaust und mit kahlen Stellen im Fell – beherrschen die Straßen. In einem riesigen, verlassenen Wohnblock spielen Kinder. Bäume und Sträucher haben sich den Gebäudekomplex zurückerobert. Die Sonne nähert sich dem Horizont, kein Sonnenstrahl fällt mehr in diese tiefen Häuserschluchten. Es ist Zeit für uns zu gehen.
Am Place de l’Indépendance ist die Polizeipräsenz hoch. Schwer gepanzerte Einsatzfahrzeuge stehen hinter Metallabsperrungen. An diesem urbanen Knotenpunkt stehen sich die Kathedrale St. Vincent de Paul und die Französische Botschaft in Tunis gegenüber. Folgt man dem großen Boulevard Richtung Osten, stößt man auf den Place du 14 Janvier – eine Gedenkstätte an die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi und an den 14. Januar 2011, den Tag, an dem der Arabischer Frühling begann und der kurz darauf die arabische Welt erschütterte.
Die letzten Wochen waren ereignisreich. Tunesien hat uns tief berührt und sich in seiner ganzen Vielfalt gezeigt. Am Tag unserer Abreise suchen wir einen ruhigen Ausklang. Also fahren wir nach Sidi Bou Saïd im Osten von Tunis, direkt am Meer, auf den Felsen von Karthago gelegen. Vom Sufismus geprägt und als heiliger Ort verehrt, siedelten sich im ausgehenden Mittelalter in dieser Gegend Mauren an und prägten Architektur und Kultur. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde Sidi Bou Saïd dann zu einem künstlerischen und kulturellen Magneten: Gustave Flaubert, Simone de Beauvoir, Michel Foucault sowie die Maler August Macke, Paul Klee und Albert Marquet reisten hierher oder wohnten zeitweise in der Siedlung. Sie alle fanden Inspiration – im Licht, in den Farben und im mediterranen Klima.
Auch heute hat Sidi Bou Saïd nichts von seinem Charme und seiner Anziehungskraft verloren. Kaum ein anderer Ort auf unserer Reise durch Tunesien war so touristisch wie dieser. Gut zweihundert Kilometer sind es von hier bis nach Sizilien, gut fünfzig Kilometer mehr bis nach Sardinien. Europa ist nah. Wo, wenn nicht hier, sollten Kulturen, Gedanken und Ideen zu etwas Neuem und Besserem gedeihen?
An den Ruinen von Karthago vorbei fahren wir zum Hafen in La Goulette. Über der Stadt ziehen sich dunkle Wolken zusammen. Als wir den Zoll verlassen und uns in die lange Schlange von Autos einreihen, um auf das Schiff zu gelangen, fällt ein leichter Nieselregen auf uns herab – der erste seit Wochen. Der Himmel hat sich lila verfärbt, und Blitze durchreißen die Wolken. Das Gewitter muss kilometerweit entfernt hinter Tunis liegen, denn sein Donnergrollen erreicht uns nicht.
Als die Nacht hereinbricht, legt unser Schiff ab, und wir fahren an Sizilien vorbei nach Rom. Unser Tunesienabenteuer endet, und wir lassen die vergangenen Tage Revue passieren. Noch immer schmecken wir die Süße der frisch gepflückten Datteln. Noch immer ist unsere Kleidung vom Staub des Landes durchdrungen. Noch immer tragen wir Sand im Herzen. Sand der Sahara, Sand und Staub der sternlosen Vollmondnächte im Norden Afrikas.
Infos zu unserer Reise
Wir hatten eine fantastische Zeit in Tunesien. Doch das liegt auch daran, dass wir mit dem eigenen Auto, genauer gesagt mit einem Geländewagen, angereist sind. Das gab uns nicht nur die Möglichkeit, das Land in unserem eigenen Tempo zu erkunden, sondern auch, in untouristische Ecken vorzudringen. Dort bestach uns Tunesien weniger durch Kulinarik und Kultur als durch seine bizarren, einzigartigen Landschaften, die wir beim Wildcampen ganz für uns allein hatten. Die einsamen Nächte in der Wüste oder an der Rommelpiste, die Sonnenauf- und -untergänge sowie die unverfälschten Einblicke in den Alltag der Menschen machten unsere Reise besonders. Auf keine andere Weise hätten wir das Land so erleben können.
Im Umkehrschluss bedeutet das: Wir empfehlen euch Tunesien nicht, wenn ihr nur ein paar Tage faul am Strand liegen oder einen klassischen Städtetrip unternehmen wollt. Tunesien – so unsere Meinung – wirkt nur im Ganzen. Wenn ihr Lust auf unterschiedliche Eindrücke und Aktivitäten habt, Zeit mitbringt und euch auf Neues einlassen wollt, dann seid ihr hier genau richtig. Aber Achtung: Vorher solltet ihr unbedingt eure Französischkenntnisse (oder euer Arabisch) auffrischen – das wird euch ungemein weiterhelfen.
Tunesien ist ein ausgesprochen günstiges Reiseland – insbesondere für Individualreisende. Kraftstoffpreise liegen deutlich unter dem europäischen Niveau: Im Herbst 2025 kostete ein Liter Benzin rund 0,70 Euro. Auch viele Grundnahrungsmittel sind preiswert, vor allem lokale Produkte wie Brot, Gemüse, Datteln oder Oliven.
Ein einfaches Doppelzimmer in einem landestypischen Hotel oder einer Pension kostet in der Regel zwischen 40 und 70 Euro pro Nacht. In touristischen Hochburgen oder in der Hauptsaison können die Preise deutlich höher liegen, während kleinere Unterkünfte im Landesinneren günstiger sind. Ferienwohnungen sind oft eine preiswerte Alternative, besonders bei längeren Aufenthalten.
Kartenzahlung ist selten möglich, auch nicht an Tankstellen. In den größeren Städten findet ihr aber immer einen ATM zum Geldabheben. Ihr solltet euch ebenfalls darauf einstellen, dass viele Waren und auch Sprit nicht immer und überall verfügbar sind (dies gilt in erster Linie für den Westen und Süden des Landes). Haltet eure Vorräte und Geldbestände also immer aufgefüllt.
Die tunesische Küche ist geprägt von einfachen Zutaten und starken Aromen. Grundlage vieler Gerichte sind Couscous, frisches Fladenbrot (gibt es immer mal wieder direkt am Straßenrand, wo es auch gebacken wird, zu kaufen), Olivenöl, Tomaten, Hülsenfrüchte und saisonales Gemüse. Fisch und Meeresfrüchte dominieren die Küstenregionen, während im Landesinneren häufiger Lamm oder Huhn serviert werden.
Typisch ist die großzügige Verwendung von Harissa – einer scharfen Chilipaste, die fast immer separat gereicht wird. Ebenfalls verbreitet sind Brik (gefülltes, knusprig ausgebackenes Teigblatt, oft mit Ei und Thunfisch), Ojja (eine würzige Tomaten-Ei-Pfanne) oder Salade Mechouia, ein rauchiger Salat aus gegrilltem Gemüse.
Kulinarisch sollte man keine hochkomplexe Gourmetküche erwarten. Besonders außerhalb touristischer Zentren ist die Auswahl oft überschaubar und wiederholt sich. In der Gegend um Douz bekamen wir beispielsweise immer Brik serviert. Dafür überzeugt das Essen durch Frische, Bodenständigkeit und ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer offen für einfache Gerichte ist und lokale Restaurants bevorzugt, wird in Tunesien gut und günstig essen.
Alkohol ist in der Regel nur in großen Supermärkten in abgetrennten bereichen erhältlich, aber nicht überall selbstverständlich und vergleichsweise teuer. Minztee, starker Kaffee und frisch gepresste Säfte sind dagegen allgegenwärtig.
In Tunesien könnt ihr vergleichsweise günstig übernachten – allerdings ist der gebotene Service beziehungsweise Standard häufig eher einfach. Wenn ihr Wert auf stilvolle, individuell gestaltete Zimmer legt, bewegt ihr euch meist im Bereich von etwa 70 bis 100 Euro pro Nacht. In den großen Hotelanlagen entlang der Mittelmeerküste findet ihr teilweise günstigere Angebote mit solider Ausstattung, allerdings oft ohne besonderen Charakter.
Besonders empfehlenswert sind Übernachtungen in sogenannten Dars – kleinen, oft liebevoll restaurierten Gästehäusern, die sich meist in den Altstädten befinden. Sie bieten Atmosphäre, persönliche Betreuung und architektonischen Charme.
Für die wenigen Campingplätze in Tunesien gilt Ähnliches: Die Preise sind niedrig, der Standard jedoch ebenfalls. Einfache Sanitäranlagen und gelegentlich Plumpsklos gehören dazu. Wenn ihr nach Douz reist – dem klassischen Ausgangspunkt für Touren in die Sahara – landet ihr vermutlich auf dem Camping Club Desert. Die französische Betreiberin Sophie ist sehr hilfsbereit, der Platz verfügt über Waschmaschinen und einfache Sanitäranlagen. Zudem kommt man hier leicht mit anderen (Offroad-)Reisenden ins Gespräch. Insgesamt ist der Campingplatz jedoch in die Jahre gekommen; für ein ähnliches Budget findet man mitunter auch feste Unterkünfte mit höherem Komfort.
Die meiste Zeit haben wir allerdings wildgecampt. Dabei fühlten wir uns ausnahmslos sicher und willkommen. Zwar berichten manche Reisende davon, nachts von der Polizei geweckt und mit Verweis auf Sicherheitsbedenken in ein Hotel geschickt worden zu sein, doch uns ist das nicht passiert. Wie immer gilt: Am besten vor Ort nachfragen, wo man sicher stehen kann, oder direkt einen Grundstücksbesitzer um Erlaubnis bitten – das schafft Klarheit und zeigt Respekt.
Die Polizei- und Militärpräsenz in Tunesien ist sichtbar hoch. An vielen größeren Straßenkreiseln steht in der Regel eine Polizeistreife, insbesondere an wichtigen Verkehrsachsen und in Grenzregionen. Mit unserem deutschen Fahrzeug wurden wir jedoch nie kontrolliert oder herausgewunken. Lediglich in unserer ersten Nacht in der Sahara wurden wir von einer Kontrolle überrascht; die Beamten wollten unsere Befahrungserlaubnis für das Wüstengebiet sehen. Die Begegnung verlief professionell und freundlich. Insgesamt fühlten wir uns während der gesamten Reise – sowohl in den Städten als auch in abgelegenen Regionen – durchgehend sicher.
Unabhängig von unseren persönlichen Erfahrungen weisen offizielle Stellen wie das Auswärtiges Amt darauf hin, dass es in bestimmten Grenzgebieten (und aktuelle auch in den Bergen um Sbeitla und Kasserine), insbesondere nahe der algerischen und libyschen Grenze, aufgrund islamistischer Gefährdungslagen zu erhöhten Sicherheitsrisiken kommen kann. Diese Regionen haben wir bewusst gemieden. Vor Reiseantritt empfiehlt es sich, die aktuellen Reise- und Sicherheitshinweise zu prüfen.
Unser Eindruck ist, dass es in Tunesien vor allem zwei Formen des Tourismus gibt: klassische Pauschalreisende und individualreisende Overlander. Die erste Gruppe ist in Hotels und Ferienanlagen entlang der Küste bestens versorgt, die zweite bringt in der Regel alles Notwendige im eigenen Fahrzeug mit.
Wer mit Kind unterwegs ist, sollte wissen: Abseits der touristischen Zentren ist die öffentliche Infrastruktur nur eingeschränkt auf Familien ausgerichtet. In manchen Regionen war es bereits herausfordernd, Diesel oder bestimmte Lebensmittel zu bekommen. Windeln, spezielle Babynahrung oder eine schnelle, gut ausgestattete medizinische Versorgung sind außerhalb größerer Städte nicht selbstverständlich. Entsprechend wichtig sind eine realistische Planung, ausreichende Vorräte und eine gewisse Flexibilität.
Positiv hervorzuheben ist die Haltung der Menschen: Wir haben Tunesierinnen und Tunesier als freundlich, respektvoll und zurückhaltend hilfsbereit erlebt. Mit Kindern wird man vielerorts besonders herzlich empfangen.
Tunesien verfügt über eine gut ausgebaute Autobahn entlang der Ostküste (mautpflichtig), während der Rest des Landes von einem Netz solider Landstraßen überspannt wird. Der Straßenzustand ist in der Regel gut, und längere Fahrten sind problemlos möglich. Der Verkehr in den Städten, insbesondere in Tunis, kann chaotisch wirken, ist aber im Großen und Ganzen gut handhabbar. Die gefürchteten Kreisverkehre erscheinen – unseres Erachtens – deutlich weniger problematisch als vergleichbare Verkehrssituationen in Spanien oder Marokko.
Wer mit dem eigenen Fahrzeug einreist, muss am Hafen eine Haftpflichtversicherung abschließen, da die meisten europäischen KFZ-Versicherungen keinen Schutz für Tunesien bieten.
Abseits der Straßen ist Tunesien ein echtes Offroad-Paradies: Es gibt unzählige Pisten, anspruchsvolle Tracks und ausgedehnte Sandgebiete. Die meisten Routen sind legal befahrbar. In die Sahara darf man offiziell nur mit einem Guide einfahren – eine sinnvolle Regelung, die zugleich die lokalen Tourguides unterstützt. In Douz haben wir jedoch auch eine Reisegruppe getroffen, die eine Befahrungserlaubnis ohne Guide erhalten hatte. Wir würden davon aber abraten, sowohl aus Sicherheitsgründen als auch aus Rücksicht auf die rechtlichen Vorgaben.
- Einen tollen Reiseführer für Tunesien bietet der Reise Know-How Verlag – er liefert tolle Informationen zum Land, Kultur und Essen sowie praktische Tipps ohne einen zu starken Fokus auf Restaurants und Hotels
- Die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek hat Frauen porträtiert, die sich für die Freiheit in ihrem Land im Zuge des Arabischen Frühlings eingesetzt haben – diese Geschichten zeigt sie in ihrem Buch Hurriya heißt Freiheit: Die arabische Revolte und die Frauen
- Der Fernsehjournalist Jörg Armbruster zieht zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling in seinem Buch Die Erben der Revolution: Was bleibt vom Arabischen Frühling? Bilanz und fragt sich, wie es mit der Arabischen Welt weitergeht
