Sisaket
Durch den Norden der Provinz Sisaket mäandert der Mun-Fluss und vereint sich wenig später mit dem mächtigen Mekong. Im Süden bildet das Dongrek-Gebirge die bis heute umstrittene Grenze zum Nachbarland Kambodscha – immer wieder kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen. Zwischen Süden und Norden erstrecken sich weite Ackerflächen und staubiges Land. Darüber versprenkelt: einfache, doch wunderbar idyllische, Dörfer. Hübsche Häuser, aus deren Vorgärten Bananenstauden ragen und indischer Goldregen sprießt.
Am Rande von Khun Han, umgeben von Lagerhallen und Wellblechhütten, liegt der Flaschentempel Wat Pa Maha Chedi Kaew. Aus Zement und hauptsächlich Bierflaschen wurde dieser Tempel errichtet. Seine Wände und Böden schimmern in Braun und Grün. Wie viele Liter Bier müssen geflossen sein, um die Basis dieses Tempels zu schaffen? Was in anderen Religionen unvorstellbar ist, ist in Thailand eine Form des verspielten Spiritualismus. Erlaubt ist, was gefällt und Aufmerksamkeit bringt. Denn Aufmerksamkeit bringt Tempelbesucher. Tempelbesucher bringen Geld. Geld finanziert das Leben der Mönche. Im Gegenzug gibt es geweihtes Wasser und einen Segensspruch, der böse Geister fernhält. Ein Geschäftsmodell, das seit Jahrhunderten funktioniert.
Um kurz vor sechs Uhr erhebt sich die Sonne über den dichten Urwald Kambodschas. Ihre Strahlen schaffen es kaum durch den diesigen Morgennebel. Erst ist alles blau, dann kommt der Tag und mit ihm goldenes Licht und die Wärme. Der Nebel zieht sich zurück und gibt den Blick frei auf weites Land. Zu unseren Füßen stürzen die Klippen der Dongrek-Berge steil hinab. Hier verläuft eine Grenze und zugleich tut sie es nicht.
Ein verwachsener Pfad führt uns vorbei an alten Steinschnitzereien, an einem kleinen Pavillon und schließlich über Steine und durch Gebüsch zu zwei Stupas. Dann endet der Weg abrupt – abgesperrt von Stacheldrahtzaun. Dahinter liegen Militärbaracken und Schießstände, ein paar hundert Meter weiter der Tempel Prasat Preah Vihea. Seit vielen Jahrzehnten streiten sich die thailändische und kambodschanische Regierung um den Besitzanspruch. Verschiedene Kartengrundlagen von 1904 und 1907 und den darin dargestellten Grenzen lassen Spielraum für Interpretation und Zweideutigkeit. Zuletzt sorgte US-Präsident Donald Trump im Oktober 2025 für einen Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern, nachdem es im Sommer desselben Jahres zu kriegerischen Auseinandersetzungen entlang der Grenzregion gekommen war.
Als die Sonne hoch am Himmel steht und den frühen Morgen restlos vertrieben hat, kehren wir zu unserem Auto zurück. Wir schweigen und hängen unseren Gedanken nach. Grenzen sind mächtig. Insbesondere dann, wenn sie nicht natürlich sind. Wenn eine Grenze kein Fluss, kein Meer, keine Schlucht, kein Bergrücken ist, dann ist sie menschengemacht. Von Generälen oder Diplomaten mit dem Lineal durch Landschaften, Ethnien oder Handelswegen gezogen, entstehen plötzlich unsichtbare Barrieren, wo vorher keine waren.
Ein Buddhakopf steht verloren in der staubigen Einfahrt eines Tempels. Er ist frisch gestrichen, ein Bambusgerüst umhüllt ihn noch. Seine Wangen und sein Kinn sind mit Blattgold beklebt. Die Augen sind schmale Schlitze, demütig gelassen blicken sie herab. Kleine Opfergaben und Geschenke sind auf einem Tisch aufgebaut. Struppige Hunde streunen umher und kläffen uns an. Menschen sind nicht zu sehen. Es ist ein schöner, einsamer Moment. Dieser Buddhakopf – ein Heiligtum ganz ohne Körper – ist selten und seltsam zugleich. So erinnert ein einzelner Buddhakopf die Thais eigentlich an die Verwüstungen der Birmanen im 18. Jahrhundert samt der geköpften Buddhastatuen in Ayutthaya.
Ist dieser Kopf Teil eines größeren Buddhas, der womöglich in Trümmern liegt? Ist er nur der Anfang der Errichtung einer ganzen Statue? Oder ist und bleibt er lediglich der Kopf eines Buddhas?
Am Seitenfenster unseres Autos ziehen beschauliche Landschaften und Siedlungen vorbei. Plötzlich biegt eine Piste steil von der Straße ab. Auf Geratewohl folgen wir ihr und landen auf einer grünen Wiese. Wasserbüffel genießen ein Bad im See. Ehe die Kamera einsatzbereit ist und wir die Büffel erreicht haben, ist die Herde bereits aus dem Wasser herausgekommen. Friedlich trotten sie einem Hirten hinterher. Er wirft uns neugierige Blicke zu, bevor er sich im Schatten eines Baumes niederlässt.
Die Provinz Sisaket ist schön. Sie ist wie ein leise gespieltes Pianostück, die sanfte Interpretation eines Popliedes. Nichts Überwältigendes, nichts Atemberaubendes, aber in seiner Einfachheit überzeugt und überwältigt Sisaket am Ende dann doch. Der Sonnenaufgang am Dongrek-Gebirge wird ein Highlight unserer Reise bleiben. Das Landleben, die staubigen Straßen, die bunten Häuser am Wegesrand und die Herden von Wasserbüffeln – Sisaket ist keine Region, um Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Vielmehr lädt Sisaket ein, innezuhalten und dazubleiben.
