Rom

Es gibt Städte, die man gesehen haben sollte, weil sie Kultur, Geschichte und unser Bild von der Welt geprägt haben wie kaum ein anderer Ort. New York und London zählen gewiss dazu, ebenso Paris und Athen – vielleicht auch Tokio, Shanghai, Mumbai, Dubai oder Istanbul. Jede dieser Metropolen steht für eine eigene Epoche, eine eigene Idee von Welt.

Zweifellos jedoch gehört auch die italienische Hauptstadt Rom dazu: einst Zentrum der Macht des Römischen Reiches, später Wiege des Christentums und über Jahrhunderte hinweg geistiger, politischer und kultureller Bezugspunkt ganzer Kontinente. Kaum eine Stadt darf mit größerem Recht von sich behaupten, das Gesicht der Welt nachhaltig geprägt zu haben.

Wer wirklich in die Geschichte eintauchen und ein tiefes Verständnis für die Schönheit und Bedeutung Roms Sehenswürdigkeiten entwickeln möchte, müsste Wochen – wenn nicht Monate – in Rom verbringen. Uns standen lediglich zwei Tage zur Verfügung: genug für einen schnellen, zwangsläufig oberflächlichen Streifzug entlang der größten Sights. Und doch genügte diese kurze Zeit, um uns mit staunend offenen Mündern zurückzulassen.

Spanish Steps in Rome

Vom Piazza de Popolo führt eine Sichtachse geradewegs zur Spanischen Treppe. Sie verbindet die Piazza di Spagna mit der höhergelegenen Kirche Trinità dei Monti. Einst lag sie im Einzugsbereich der Spanischen Botschaft, daher ihr Name. Heute ist sie ein zentraler Platz und Treffpunkt in Rom. Zugegeben – die Treppe selbst bleibt unscheinbar, fast nüchtern-schmucklos. Erstaunlich sind die Massen an Besuchern, die selbst hier zu Beginn der Nebensaison die Treppe belagern.

Spanish Steps in Rome
Spanish Steps in Rome
Spanish Steps in Rome

Während wir durch die schmalen Gassen des Stadtteils Trevi laufen, merken wir, wie die Menschenmassen um uns herum dichter und dichter werden. Irgendwann ist kaum noch ein Durchkommen möglich. Plötzlich stehen wir vor dem Trevi-Brunnen, inmitten von Menschen, die staunend nach vorne drängen, um ein Foto von diesem spektakulären Meisterwerk zu machen. Die Schlange, um direkt hinunter zum Wasser zu gelangen, ist unfassbar lang. Drei Münzen in den Brunnen werfen soll laut Aberglaube dazu führen, nach Rom zurückzukehren, sich in eine Römerin oder einen Römer zu verlieben und sie oder ihn letztendlich zu heiraten.

Trevi Fountain in Rome
Trevi Fountain in Rome

Ein Prunkbau der römischen Antike. Majestätisch erheben sich die Säulen über dem Eingang, eine gigantische Kuppel überspannt den Innenbereich. Mathematische Perfektion, übermenschliche Baukunst und einmalige Widerstandskraft gegen die Jahrhunderte, Regen, Wind und Sonne. Vermutlich zur Huldigung mehrere Götter errichtet, wurde es im Frühmittelalter zur christlichen Kirche geweiht. Das Pantheon war stets dem Wandel ausgesetzt: Zwei Feuer zerstörten es, sodass es jeweils wieder aufgebaut, zumindest aber restauriert werden musste. Im Laufe der Jahrhunderte wurden Säulen ausgetauscht – je nach dem Geschmack der Zeit. Die Bronzeverkleidung des Dachs wurde für Kanonen eingeschmolzen. Ein Glockenturm wurde aufgesetzt, später durch zwei symmetrische Türme ersetzt, die wiederum irgendwann abgerissen wurden. So änderte das Pantheon stets sein Gesicht und die Bedeutung, die es für die Welt, die Menschen, die Stadt und die Götter hatte. 

Pantheon in Rome
Pantheon in Rome

Wir stehen am Rand des Forum Romanum, dem Herzen des antiken Roms, ja sogar dem Herzen des Römischen Reiches. Und damit, so könnte man salopp formulieren, dem Herzen der antiken Welt. Denn kaum ein anderes Reich war zu seinem Höhepunkt so mächtig und umfassend wie das römische.

Auch wenn heute nur noch Ruinen und einzelne Säulen von den prachtvollen Bauten zeugen – im Gegensatz zum hervorragend erhaltenen Pantheon – bekommen wir eindrucksvoll zu spüren, was für ein atemberaubender Platz das Forum Romanum gewesen sein muss. Und zugleich fragen wir uns, was ist unseren modernen Städten verloren gegangen, dass sie zu einem in Beton gegossenen Albtraum verkommen sind? Wo sind Ästhetik und Glanz in unseren Städten geblieben? Alles Schöne entstammt einer längst vergessenen Ära. Städte wie London, New York oder Paris sind so beliebt, weil sie noch voller Elemente des Art Déco, der Neugotik oder der Beaux-Arts stecken.

Forum Romanum in Rome
Forum Romanum in Rome
Forum Romanum in Rome
Forum Romanum in Rome

Die Spuren alter Kaiser und des Römischen Reichs sind in der gesamten Stadt sichtbar. Gegenüber des Forum Romanums steht eine Statue von Trajan, einst römischer Kaiser. Unter seiner Herrschaft erreichte das Römische Reich seine größte Ausdehnung. Er trieb den Bau neuer Straßen voran, führte Sozialmaßnahmen wie kostenlose Getreideverteilung oder die Verbesserung der Wasserversorgung in Armenviertel ein und sorgte auf diese Weise für eine stete Romanisierung der Provinzen. Dabei fokussierte er sich in erster Linie auf Italien. Seinen Machtanspruch unterstrich er mit einer Vielzahl an prunkvollen Bauten – den Höhepunkt seines Schaffens erreichte er mit dem Forum Traiani.

Statua di Traiano

Nur eine Handvoll Bauwerke hat es geschafft, als wahre Wunderwerke in das kollektive Gedächtnis der Menschheit einzugehen. Sie sind Ikonen ihrer Zeit und tragen bis heute die Verheißung ferner Länder und vergangener Kulturen in sich. Das Empire State Building, der Eiffelturm, der Big Ben oder die Chinesische Mauer – Namen, die sofort Bilder hervorrufen. In diese Reihe gehört zweifellos auch das Kolosseum in Rom.

Kaum ein anderes Bauwerk ist so stark von filmischen Bildern und historischen Vorstellungen geprägt: blutige Gladiatorenkämpfe vor tausenden Zuschauern, exotische Raubtiere, die aus unterirdischen Käfigen emporsteigen, ja sogar nachgestellte Seeschlachten, für die das Amphitheater zeitweise geflutet wurde. Errichtet im 1. Jahrhundert nach Christus unter den flavischen Kaisern, bot das Kolosseum einst Platz für bis zu 50.000 Menschen und war damit das größte Amphitheater der antiken Welt. Noch heute prägt es das Stadtbild Roms wie kaum ein anderes Bauwerk. 

Colosseum in Rome

In zwei Tagen haben wir nur einen Bruchteil dieser gigantischen Stadt erfassen können. Es war kaum mehr als ein vorsichtiges Kratzen an der Oberfläche – und doch reichte das Freigelegte aus, um uns immer wieder ins Staunen zu versetzen. Selbst eine einfache Busfahrt vom Vatikan zum Forum Romanum geriet zu einer Zeitreise, einem Vorbeiziehen an Kulissen.

Unvorstellbar, welchen Eindruck diese Stadt auf die Menschen der Antike gemacht haben muss – auf Handelsreisende aus fernen Provinzen, auf erschöpfte Seefahrer, auf deportierte Sklaven, die erstmals den Mittelpunkt der bekannten Welt betraten. Die monumentale Huldigung der Götter und der römischen Kaiser, inszeniert in Tempeln von nahezu übermenschlichen Dimensionen, dürfte jeden Besucher in ehrfürchtige Ungläubigkeit versetzt haben.

Auch wenn wir keine Münzen in den Trevi-Brunnen geworfen haben, ist eines gewiss: Wir werden zurückkehren in diese Stadt. Vielleicht nicht, um die große Liebe zu finden, wohl aber, um tiefer in ihre einzigartige Geschichte einzutauchen und uns weiter von längst vergangenen Zeiten tragen zu lassen. Die Welt von heute wäre womöglich ein Stück schöner, wenn sie sich öfter an Roms meisterhafte Baukunst erinnern würde.