Indien
Müde vom Flug reiben wir uns die Augen. Ist dies wirklich das Indien, das wir erwartet haben? Neu-Delhi empfängt uns sanft. Fast zurückhaltend. Es öffnet die Tür nur einen Spalt. Zunächst sehen wir nichts weiter als den vertrauten Trubel einer asiatischen Großstadt. Doch schon wenig später wird diese Tür aufgestoßen. Wir verlieren den Halt und stürzen in die Tiefe. Die Achterbahnfahrt beginnt. Und wir sitzen in der ersten Reihe.
In den Kronen der Malabar-Lackbäume schlafen die Pfaue. Rikschas schießen an uns vorbei. Bettelnde Kinder verschwinden durch Löcher rostiger Zäune. Im Morgendunst schält sich die Kuppel des Taj Mahal aus den seichten Pastelltönen des Sonnenaufgangs. Muslime versammeln sich zum Fastenbrechen. Ein alter Brahmane sitzt im spärlich beleuchteten Keller seines vergessenen Tempels. Affen beherrschen die Däche von Jaipur, dieser ehrwürdigen Königsstadt. Durch die Straßen ziehen Elefanten und Kamele, bunt bemalt und heilig. Männer schultern Gewehre. Säbelrasseln. Kriegstanz.
Aus schweren goldenen Gefäßen serviert man uns duftenden Reis. Butter schmilzt auf heißem Knoblauchbrot. Eine milde Schärfe legt sich auf unsere Lippen. Überall Musik. Überall Tanz.
Indien ist keine Reise. Indien ist kein Land.
Indien ist ein Erwachen.
Noch am Tag unserer Ankunft werfen wir uns in Delhis Feierabendverkehr. Direkt vor uns krachen zwei Autos ineinander. Ein paar Hundert Meter weiter bleibt ein Krankenwagen mit heulender Sirene zwischen hupenden Fahrzeugen stecken. Je näher wir dem Connaught Place kommen – dem historischen Herzen der Stadt –, desto dichter wird das Menschenmeer um uns herum. Sobald wir für ein Foto oder einen genaueren Blick stehen bleiben, bildet sich eine Traube neugieriger Inder. Hände werden geschüttelt. Selfies gemacht. Fragen gestellt. Wir sind Fremde und zugleich für einen kurzen Moment Teil dieser Stadt.
Wir flüchten in einen Park. Sofort nimmt sich uns ein junger Musiker an. Er führt uns durch die Anlage, erzählt von seinem Leben und lacht viel. Dann verschwindet er wieder im Strom der Menschen. In den kommenden Tagen werden wir ihm immer wieder begegnen.
Abgehackte Musikfetzen und kreischende Mikrofontests wecken unsere Neugierde. Wir folgen der Kakophonie. Aus Lärm werden Melodien. Aus verzerrten Tönen entsteht Musik. Die Höhen finden die Tiefen, Stimmen gewinnen Konturen und plötzlich klingt alles nach einem großen Ganzen.
Vor uns öffnet sich ein Platz. Polizisten sichern die Zugänge. Fernsehkameras stehen bereit. Auf einer Bühne spielen sich Musiker warm. Dann setzt der Bass ein. Tief. Wuchtig. Laserstrahlen durchschneiden den warmen Abendhimmel. Menschen tanzen. Menschen jubeln. Und über allem liegt der Puls dieser gewaltigen Stadt.
Der erste richtige Tag führt uns zum India Gate. Nach einem langen Winter spüren wir endlich wieder die Wärme der Sonne auf unserer Haut. Schulklassen ziehen lachend an uns vorbei. Ein junges Paar mit einem Blumenstrauß in den Händen bittet uns um ein Foto. Familien aus Kindern, Eltern, Cousins und Großeltern umringen uns und zeigen unverhohlen ihre Neugier. An den Straßenecken pressen Händler frische Zitronen aus oder verkaufen bunt verpackte Süßigkeiten. Und überall sind Menschen.
Rund um das India Gate breitet sich eine gewaltige Parklandschaft aus. Spielplätze und Museen. Gärten und Kriegsdenkmäler. Dazwischen Regierungsgebäude im gepflegten Stil der britischen Kolonialzeit. Wie ein grünes Band zieht sich die Anlage kilometerweit durch die Stadt bis hin zum Rashtrapati Bhavan, dem Amtssitz des Präsidenten. Delhi wirkt hier geordnet und großzügig. Fast so, als wolle die Stadt uns nach dem ersten Kulturschock die Hand reichen.
Wir laufen vorbei an Barbieren, die Männern auf offener Straße mit nichts weiter als einem Rasiermesser und etwas Seifenschaum den Bart schneiden. Kinder, kaum älter als zehn Jahre, knien vor Geschäftsleuten und polieren ihre Schuhe. An einer vielbefahrenen Hauptstraße verrenkt ein Junge in zerlumpter Kleidung seinen Körper in artistischen Yogafiguren, während Autos und Rikschas dicht an ihm vorbeirasen.
Langsam dämmert uns, dass unser erster Eindruck von Indien ein Trugbild gewesen sein könnte. Die freundliche Fassade bekommt Risse. Dahinter zeigen sich Armut, Widersprüche und eine Welt, die sich unseren gewohnten Maßstäben entzieht. Noch ahnen wir nicht, mit welcher Wucht Indien zum Schlag ausholen wird. Noch wissen wir nicht, dass diese Reise uns schon bald in eine völlig andere Dimension katapultieren wird.
Agrasen ki Baoli, ein jahrhundertealter Stufenbrunnen, wirkt wie ein Tor in eine andere Zeit. Tauben und Greifvögel ziehen ihre Kreise über dem alten Gemäuer. Es ist ein beliebter Fotospot für Selfies und ein beinahe meditativer Ort, um im Schatten der hohen Mauern und kargen Bäume der Mittagshitze zu entfliehen. Trotz der vielen Menschen, die auf den Stufen sitzen, ist der Brunnen ein Ruhepol. Auch wir nehmen Platz und beobachten das Kommen und Gehen der Vögel, während wir versuchen, die ersten Eindrücke Delhis zu verdauen.
Die U-Bahn trägt uns über den Yamuna. Im Nachmittagslicht weht die indische Trikolore über der Stadt. Safran, Weiß und Grün. Mut, Frieden und Glaube für die größte Demokratie der Welt.
Wir verlassen die Akshardham-Station und merken sofort, dass wir uns in einem anderen Viertel Delhis wiederfinden. Ein Fluss von Menschen im Feierabendverkehr reißt uns mit sich. Rikschafahrer pfeifen und rufen um Kundschaft. Die Luft riecht nach heißem Öl, gerösteten Nüssen und Gewürzen.
Wer stehen bleibt, geht unter. Wer schweigt, wird nicht gehört. Wer nicht nach vorne stürmt, bleibt zurück.
Wir sehen und lernen – wer auf Indiens Straßen überleben möchte, ja überhaupt seinen Alltag bestreiten will, muss kämpfen. Zu viele Menschen, die alle dasselbe zur gleichen Zeit wollen. Stärke, Einfallsreichtum und Selbstbewusstsein sind hier keine Tugenden. Sie sind Voraussetzungen. Die Straße duldet kein Zögern.
Hunderte, wenn nicht gar tausende Menschen strömen zusammen mit uns zum Akshardham-Temple am Yamuna. Dieser Tempel galt einst als der größte hinduistische Tempelkomplex der Welt und alles an ihm ist darauf ausgelegt, Massen von Besuchern ein spirituelles Erlebnis zu ermöglichen.
Vor den Eingängen bilden sich lange Schlangen. Taschen, Kameras und Telefone müssen abgegeben werden. Fotografieren und Filmen sind streng untersagt. Der Andrang ist gewaltig und der Tag bereits weit fortgeschritten. So bleiben wir schließlich vor den Toren stehen, beobachten das endlose Kommen und Gehen der Gläubigen und Besucher und ziehen weiter.
Shah Jahan, Herrscher des indischen Mogulreiches und Erbauer des Taj Mahal, ließ in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert das Rote Fort erbauen, das ihm in seiner neu geschaffenen Hauptstadt als Kaisersitz dienen sollte. Heute ist die Festungsanlage eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in Delhi. Eingeklemmet zwischen dem Fluss Yamuna und dem chaotischen Stadtteil Old-Delhi erheben sich die dicken, rötlich-braunen Steinmauern. Ein langer, dunkler Korridor mit Geschäften und fliegenden Händlern führt uns vom Haupttor hinein in die Anlage. Nach dem hektischen Verkehr auf der Hauptstraße genießen wir die Ruhe und die Weite, die sich nun vor uns auftut.
Torbögen und schattige Gänge. Kleine Pavillons und baumbestandene Wiesen. Herrlich angelegte Blumenrabatten und verspielte Wasserläufe zwischen den Gehwegen. Eine symmetrische Architektur, die die Blickachsen vorgibt und die Aufmerksamkeit der Besucher lenkt. Schwärme von Vögeln ziehen immer wieder ihre Kreise oder stieben gleichzeitig in die Luft. Ein Wächter sitzt bewegungslos vor dem kühlenden Luftstrom seines Ventilators. Eine Gruppe junger Frauen zieht lachend vorbei.
Die riesigen Gartenanlagen des Roten Forts laden dazu ein, die Stille und Kühle abseits des chaotischen Old-Delhis zu genießen, bis zum letzten Auszukosten. Denn draußen, auf der anderen Seite der roten Mauern, warten eine Verkehrshölle aus Blech, Smog und Lärm sowie ein Meer aus Menschen.
Old Delhi. Die Realität holt uns ein und trifft uns wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Wir zwängen uns durch ein Tor und betreten die Chandni Chowk Road. Mehr noch: Jetzt sind wir wirklich in Indien angekommen.
Die Menschen, die Gerüche, der Lärm, all die Reize fluten über uns hinweg und hüllen uns ein. Rikschafahrer, aufgereiht wie Perlen auf einer endlosen Kette, drängen sich über die Straße. Fliegengleich schwirren Motorroller, Karren und Fahrräder um sie herum. Auf den Bürgersteigen ist kein Durchkommen. Menschen stehen, gehen, liegen, sitzen, schlafen und rennen dort. Manche rauchen gelassen eine Zigarette zwischen zwei Müllbergen, andere waschen sich vor dem Betreten eines Tempels. Vor einem öffentlichen Urinal am Straßenrand hat sich eine Schlange von Männern gebildet. Bettler strecken uns ihre Hände entgegen. Kistenträger und Frauen mit schweren Körben rempeln uns an. Immer wieder taucht jemand neben uns auf und möchte Geld für irgendeine Dienstleistung. Über unseren Köpfen blinken kaputte Leuchtreklamen und zwischen den Häusern hängen unentwirrbare Bündel aus Stromkabeln.
Wir retten uns in eine Seitengasse. Doch auch hier sind nicht weniger Menschen unterwegs, es gibt lediglich weniger Platz. Also zurück auf die Hauptstraße und mit dem Strom schwimmen. So lassen wir uns treiben – erst in ein Café, dann in einen Sikh-Tempel und schließlich zur großen Freitagsmoschee.
Die späte Nachmittagssonne wirft ihr goldenes Licht auf das Minarett der Jama-Moschee am Rande von Old-Delhi. Der Vorplatz ist bereits voller Menschen, dennoch strömen immer weitere Gläubige durch die Eingangstore. Heute ist Eid al-Fitr, das Fest des Fastenbrechens und das Ende des Ramadan.
Mit dem Nahen der Nacht kommen Familien und Freunde zusammen, um gemeinsam zu essen. Frauen breiten Picknickdecken auf dem Boden aus und tischen große Schüsseln mit Speisen auf. Frisches Gebäck und süßer Tee. Wassermelonen und Bananen. Brot und Desserts. Vor dem Gebet waschen sich die Gläubigen die Füße am zentralen Wasserbecken. Es werden Fotos gemacht, viel gelacht und miteinander gesprochen. Die Stimmung ist ausgelassen und voller Vorfreude.
Als die Sonne schließlich untergeht, ist der Vorplatz bis auf den letzten Platz gefüllt. Wasser und kleine Teller mit einfachen Mahlzeiten werden verteilt. Es gibt Gedränge um die kostenlosen Gaben und erneut wird sichtbar, wie groß die Gegensätze in Indien sein können. Armut und unfassbarer Reichtum liegen hier oft nur wenige Schritte voneinander entfernt.
Taumelnd, ermattet und trunken von den Eindrücken spazieren wir durch eine kleine Straße quer durch Old Delhi zurück zur nächsten U-Bahn-Station. Es herrscht dieselbe Geschäftigkeit wie am Tag. Händler tragen große Pakete und meterlange Stoffrollen auf Köpfen und Schultern durch das Gewirr aus Ständen und Gassen. Zwischen Müll und Menschen verrichten Barbiere und Schuhputzer ihre mühsame Arbeit. Die Luft ist erfüllt von Currydüften, Abgasen und dem Geruch von Motoröl.
Die U-Bahn bringt uns zurück zu unserer Unterkunft im Stadtteil Gole Markt. Hier, in den Nebenstraßen, ist es für Indien erstaunlich ruhig. In den Bäumen, die ihr Geäst wie verkohlte Finger in den dämmernden Abendhimmel strecken, schlafen die Pfaue.
Im Südosten Delhis liegt das Humayun-Mausoleum, die Grabstätte eines Mogulherrschers aus dem 16. Jahrhundert. Zwischen Palmen und verspielten Wasserläufen ist die weitläufige Anlage eine Oase im Großstadtdschungel. Unter den Torbögen der alten Mauern finden sich zahlreiche schattige Plätze zum Ruhen und Verweilen. Streifenhörnchen jagen sich über die Wiesen und sind dermaßen an Menschen gewöhnt, dass sie auf der Suche nach Nahrung sogar auf unsere Schultern klettern.
Aus dem Hauptgebäude strömen Schulklassen in weißen Uniformen. Sie kichern und zeigen auf uns bleichgesichtige Westler. Als sie vorübergezogen sind, legt sich eine friedliche Idylle über das Gelände.
Der Abend legt sich über die Millionenstadt Agra. Über den Yamuna-Fluss kreisen Vogelschwärme. Sie schnappen nach Fischen und Fliegen. Den Sand des Ufers haben die Farben des bunten Holi-Puders eingefärbt. Die Kuppel des Taj Mahals ist von hier aus sichtbar. Auf der anderen Flussseite liegt ein weiteres Mogul-Mausoleum, das Itmad-ud-Daula.
Wir sind gekommen, um einem kleinen Ritual beizuwohnen – dem Aarti. Zum Sonnenuntergang versammelt sich eine Handvoll Menschen am Ufer. Ein Feuer wird entzündet und von Hand zu Hand weitergereicht. Leise Gebete werden gemurmelt, Segenssprüche gesprochen. Nach wenigen Minuten ist die Zeremonie bereits vorüber.
Anschließend kommen wir mit den Hinduisten ins Gespräch. Sie erzählen uns, dass sie mit dem Aarti dem Fluss, dem Wasser und damit dem Leben huldigen. Wasser, sagen sie, sei die Grundlage allen Wachstums und allen Lebens. Sie verstehen sich als Beschützer des Yamuna, beten für ihn, sammeln Spenden und organisieren Aufräumaktionen.
Zart wie eine Lotusblüte öffnet sich der nächste Morgen. Ein grau-blauer Himmel kündigt den Tag an. In einer Traube von Menschen schieben wir uns durch die Sicherheitskontrollen. Plötzlich beginnen einige Besucher zu laufen. Sie wollen die Ersten sein, die einen ungestörten Blick auf dieses Weltwunder der Neuzeit erhaschen, bevor der Strom der Besucher alles füllt.
Zuerst sehen wir seine Kuppel. Dann treten wir durch das gewaltige Zugangstor und stehen vor dem Taj Mahal. Perfekte Architektur. Elfenbeinfarbener Marmor. Sanfte Schattierungen. Spiegelbilder im Wasser. Vollendete Symmetrie. Wortlos schieben wir uns durch die Menge. Für einen Augenblick nehmen wir nichts mehr wahr außer diesem Meisterwerk vor uns.
Ein wenig Rosa. Ein wenig Blau. Schließlich etwas Gold. Der Morgen verblasst. Das Taj Mahal nicht. Es entsteigt der Nacht wie ein Koloss, saugt die Farben des Sonnenaufgangs in sich auf und scheint mit jeder Minute heller zu werden.
Der Tag ist angebrochen und der Marmor des Taj Mahals erstrahlt in zartem Weiß. Manchmal schiebt sich eine Inderin im bunten Sari vor Chris‘ Kameralinse. Manchmal breitet ein Vogel seine Flügel aus und stößt sich von einer Mauer ab. Manchmal streift ein Sonnenstrahl die große Kuppel und taucht sie in warmes Licht. Der Auslöser der Kamera klickt unaufhörlich. Ein Motiv scheint schöner als das andere.
Noch immer können wir kaum fassen, welche Wirkung dieses berühmte Mausoleum auf uns hat. Großmogul Shah Jahan ließ das Taj Mahal als Grabmal für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal errichten, die bei der Geburt ihres vierzehnten Kindes verstorben war.
Ihn selbst kostete dieses monumentale Bauwerk am Ende jedoch die Freiheit. Die gewaltigen Ausgaben drohten den Reichtum der Herrscherfamilie zu verschlingen. Schließlich übernahm sein Sohn die Macht über das Mogulreich und ließ Shah Jahan im Fort von Agra gefangen setzen. Von dort soll der entmachtete Herrscher bis zu seinem Tod auf das Grabmal seiner geliebten Frau geblickt haben.
Ein kurzer Stopp auf dem Weg hinaus aus Agra. Im Kellergeschoss eines unscheinbaren Gebäudes befinden sich die Verkaufsräume eines Steinmetzes, der die Bekanntheit des marmorgewordenen Taj Mahals geschickt für seine Waren nutzt. Sein Meisterhandwerker, so erzählt man uns, stamme aus jener Familie von Kunsthandwerkern, die bereits im 17. Jahrhundert am Bau des berühmten Mausoleums beteiligt gewesen sei.
Einmal mehr zeigt sich, wie erfinderisch und geschäftstüchtig die Inder sind. Kaum jemand bittet einfach nur um einen Dollar. Nein, meist möchte man zumindest den Anschein erwecken, eine Leistung oder einen Service erbracht zu haben. So geschieht es, dass uns wildfremde Menschen die Autotür öffnen, unser Gepäck tragen oder uns ungefragt den Weg weisen. Jede Auskunft, jedes Lächeln, jede kleine Gefälligkeit kann zum Auftakt einer Bitte um Bezahlung werden.
Wir erhalten eine kleine Einführung in das Handwerk der Marmor-Steinmetze von Agra und verfolgen fasziniert die filigrane Arbeit. Am Ende kaufen wir tatsächlich eine dekorative Marmortafel. Storytelling sells.
Auf dem Weg von Agra zum Ranthambore-Nationalpark liegt Fatehpur Sikri, die einstige Hauptstadt eines Großmoguls. Die weitläufige Festungsanlage liegt in der flimmernden Mittagshitze. Die Sonne steht senkrecht über unseren Köpfen. Ein offizieller Guide nimmt sich unserer an und führt uns durch die schattigen Gemächer und Höfe der ehemaligen Herrscherresidenz. Was uns jedoch weitaus mehr interessiert als die Geschichte der Mauern, ist die Geschichte unseres Guides.
Mit Mitte dreißig sei er noch nicht verheiratet, erzählt er uns. Seine Eltern hätten jedoch bereits eine passende Ehefrau für ihn ausgewählt. Gesehen habe er sie einmal, wirklich gesprochen noch nie. Trotzdem freue er sich auf die Hochzeit. Es klingt weder nach Resignation noch nach Zweifel. Es ist einfach der Lauf der Dinge.
Und das ist Indien eben auch. Während sich das Land auf der internationalen Bühne modern, digital und technologisch präsentiert, prägen vielerorts noch immer uralte Traditionen den Alltag. Das Kastensystem ist offiziell abgeschafft, seine Spuren jedoch noch lange nicht verschwunden. Hunderte Götter wachen über das Schicksal der Menschen. Ein Rad aus Tod und Wiedergeburt, das sich bis auf alle Ewigkeit dreht. Und darüber das unumstößliche Naturgesetz von Karma.
Es ist noch dunkel über dem Wald. In der Trockenzeit sind die meisten Bäume kahl. Lediglich ein paar grüne Büsche, spärlich belaubte Bäumchen und die flammend roten Malabar-Lackbäume durchbrechen die Monotonie des allgegenwärtigen Grau-Brauns.
Unser Safari-Jeep rumpelt über den felsigen Boden. Seit einer Stunde fahren wir bereits durch das Dickicht des Ranthambore-Nationalparks auf der Suche nach exotischen Tieren. Vor allem aber auf der Suche nach Tigern. Sie haben hier, im Schutz des Nationalparks, einen wichtigen Rückzugsort gefunden und sind zugleich die größte Attraktion der Region. Hotels, Restaurants, Taxifahrer, Parkmitarbeiter, Handwerksbetriebe und viele andere leben von der Sehnsucht der Touristen, einmal einem echten Tiger in freier Wildbahn zu begegnen.
Nach einer weiteren Stunde hat es die Sonne über den Horizont geschafft. Doch außer ein paar bunten Singvögeln, einigen Hirschen und Wildschweinen haben wir bislang keine Tiere entdecken können. Vielleicht werden wir auf unserer zweiten Safari am Nachmittag mehr Glück haben.
Am Nachmittag also auf zu einer neuen Runde – diesmal in einer anderen Parkzone und in einem Bus statt einem Jeep. Das Gelände ist offener, weniger bergig und weniger steinig als am Morgen. Es gibt Teiche und kleine Seen und tatsächlich auch eine andere Tierwelt. Wir sichten Krokodile, Affen, Rehe und Störche. Im Sand entdecken wir sogar den frischen Pfotenabdruck eines Tigers. Wir sind uns sicher: Jetzt wird es klappen!
Plötzlich Aufregung. Alle Jeeps und Busse brausen zu einer offenen Grasfläche. Vor wenigen Minuten habe ein Guide den Warnruf eines Vogels vernommen. Man erklärt uns, dass die hier lebenden Vögel ein bestimmtes Signal von sich gäben, wenn sich ein Raubtier nähert. Eine halbe Stunde oder länger warten wir schweigend auf den Tiger. Doch im hohen Gras bleibt alles ruhig.
Auf der Rückfahrt – wir haben den Park beinahe schon verlassen – gibt es eine Panthersichtung. Sofort setzen sich sämtliche Fahrzeuge in Bewegung. Geländewagen verkeilen sich ineinander, Touristen streiten in den Bussen um die besten Plätze. Kameras werden hektisch in die Luft gehoben. Unverständliches Raunen und aufgeregtes Gemurmel gehen durch die Menge. Der Verkehr staut sich, dutzende Fahrzeuge säumen den Wegesrand. Der Panther scheint jedoch längst seines Weges gegangen zu sein, denn niemand in unserem Bus bekommt ihn zu Gesicht.
Vor unserer Weiterreise wollen wir noch einmal lokale Handwerkstraditionen und Kunsterzeugnisse kennenlernen. Üblicherweise machen wir einen weiten Bogen um Souvenirshops und Touristenfallen aller Art, doch die Mitbringsel, die es hier überall zu kaufen gibt, haben es uns angetan.
Die Tribal Women Craft Industries ist eine Art Kooperative von Frauen, die sich durch Näharbeiten ein zusätzliches Einkommen erwirtschaften können. Aus recycelten Stoffen stellen sie wunderbare Teppiche und Überdecken her und verbinden dabei moderne Muster mit traditionellen Farben und Motiven. Auch eine Handvoll Maler ist hier beschäftigt. Mit ruhiger Hand und ausgezeichnetem Auge für Details fertigen sie – was sonst – Gemälde von Tigern in allen Größen und Variationen an.
Es ist ein wunderbarer Ort, um den Künstlern bei der Arbeit zuzusehen und mit dem Kauf ihrer Produkte möglichst direkt die Menschen vor Ort zu unterstützen, anstatt fragwürdige Souvenirs aus chinesischer Massenproduktion mit nach Hause zu nehmen.
Am Westrand der Großstadt Jaipur liegt der Galta-Ji-Tempel, auch bekannt als Affentempel. Nicht etwa, weil Affen hier als heilige Tiere verehrt würden, sondern weil Dutzende, wenn nicht gar Hunderte dieser Tiere die alte Tempelanlage bevölkern.
Wir betreten eines der Tempelgebäude. Ein alter Mann weist auf einen Kellereingang. Dort unten liegt ein düsterer Flur, dem wir zusammen mit einem indischen Pärchen durch verwinkelte Gänge bis zu seinem Ende folgen. Schließlich gelangen wir in eine kleine, dämmrige Kammer. Ein Brahmane sitzt dort. Seinen nackten Oberkörper zieren bunte Segenszeichen. Sein Bart ist geflochten, sein Haar struppig. Er besteht darauf, uns zu segnen, und wir geben ihm ähnlich viele Münzen wie es das Ehepaar vor uns tat. Doch von uns Weißgesichtern hätte er offenbar mehr erwartet; missmutig verzieht er das Gesicht.
Wieder draußen folgen wir einer von Affen- und Taubenkot verdreckten Treppe hinauf zu einer Quelle. Eine halb entblößte Frau vollzieht dort gerade eine rituelle Waschung. Ratten huschen über den Boden, auf den Mauern balancieren die Affen. In einem düsteren Verschlag sitzt ein weiterer Brahmane, umgeben von Ratten und anderem Ungeziefer. Da nach hinduistischem Glauben jedes Tier ein wiedergeborener Verwandter, Freund oder Bekannter sein könnte, werden Tiere nahezu überall geduldet.
Die Rosa Stadt, Hauptstadt der Provinz Rajasthan und kulturelles Zentrum der Region – das ist Jaipur. Zwischen altem Königspalast, einer Sammlung astronomischer Instrumente und der eindrucksvollen Architektur des Palasts der Winde liegt ein Netz aus Straßen, in denen das Chaos Indiens regiert. Zu viele Autos und Rikschas auf zu wenig Raum. Die Bürgersteige quellen über von Passanten und Essensverkäufern. Kühe liegen in Müllbergen, Ratten beherrschen den Untergrund, Affen die Dächer der Stadt. Bettler neben Studenten, neben Händlern, neben Touristen. Alles fließt, alles ist in Bewegung. Hier gibt es keine Ruhe, keinen Stillstand, kein Zurück.
Schlangenbeschwörer lassen scheinbar mit den atonalen Klängen ihrer Flöten zahme Kobras aus Körben steigen. Wahrsager vermögen die Zukunft und das Schicksal der Menschen aus den Furchen ihrer Hände zu lesen. Hinduistische Priester sprechen zu den Göttern. Neben den Palästen alter Könige erheben sich Armenviertel aus dem Staub der Wüste. Die Stadt, einst zum Besuch des Prinzen von Wales rosa-orange gestrichen, ist ein lebendiger, mystischer Ort voller Energie und ohrenbetäubender Potenz.
Je größer, desto besser. Je eindrucksvoller, desto präziser. Im frühen 18. Jahrhundert war Maharadscha Jai Singh II überzeugt, dass astronomische Instrumente vor allem eines sein mussten: groß. Je größer die Bauwerke, desto genauer sollten Winkel, Umlaufbahnen und Sternpositionen bestimmt werden können. Während man in Europa zur gleichen Zeit an Fernrohren, Präzisionsmechanik und perfekt geschliffenen Linsen tüftelte, setzte man in Jaipur auf monumentale Steinarchitektur.
So bestaunen wir eine gigantische Sonnenuhr, deren Schatten derart breit ausfällt, dass sich die Zeit nur grob bestimmen lässt. Auch andere Instrumente wirken auf uns erstaunlich klobig und zu ungenau für den Zweck, den sie eigentlich erfüllen sollten.
Der Stadtpalast ist voller Touristen. Vielleicht ist heute ein besonders geschäftiger Tag, da der große Gangaur-Umzug kurz bevorsteht. Menschen aus ganz Rajasthan sind gekommen, um dem Spektakel beizuwohnen. Doch noch ist es erst Mittag. Ein Brunnen plätschert im Vorhof des Palastes. Zwei Wachen haben sich im Schatten des mächtigen Eingangstores niedergelassen. Puppenspieler führen kleine Szenen auf und eine Gruppe älterer Frauen knüpft bunte Stoffe.
Ein Junge bittet uns um ein Foto von sich und seinem Freund. Auch sein Vater möchte ein Bild zusammen mit seiner Frau. Er sei Soldat, erzählt er, und sie machten einen Kurztrip in die schöne Stadt Jaipur. Er ist höflich und etwas schüchtern. Immer wieder erleben wir die Inder als offene und freundliche Menschen. Sie sind geschäftstüchtig, stets bereit, sich ein paar Rupien dazuzuverdienen. Zugleich wissen sie, dass sie bei fast 1,5 Milliarden Mitbürgern laut sein müssen, um überhaupt gehört zu werden.
Am Tripolia Gate ist bereits eine große Bühne aufgebaut. Mit Farbpuder wurden Linien auf den Asphalt gezeichnet, an denen in Kürze die Absperrungen errichtet werden. Die ersten Soundchecks laufen, die letzten Blumengirlanden werden aufgehängt. Wir machen noch einen Spaziergang um den Block, kaufen Wasser und einen kleinen Snack, während der Tag langsam in den späten Nachmittag übergeht.
Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Hausdächer haben sich mit Hunderten Zuschauern gefüllt. Der Verkehr wurde umgeleitet und entlang der Straße drängen sich Menschenmassen. Kamerateams suchen nach dem besten Aufnahmewinkel. Polizisten mit ernsten Mienen laufen auf und ab, halten die Menschen zurück und lassen ihre Bambus-Schlagstöcke durch die Luft kreisen. Eine freudige Erwartung liegt in der Luft.
Drohnen steigen in die Luft. Eine Reporterin spricht in ihr Mikrofon, ihre Stimme überschlägt sich. Die Menschen auf den Dächern – sie haben die beste Aussicht und sehen alles zuerst – beginnen zu applaudieren. Paukenschläge und Musik setzen ein. Jubel geht durch die Menge. Schreie. Emporgereckte Smartphones. Die bunte Prozession setzt sich in Bewegung. Männer in langen Gewändern. Frauen in leuchtenden Kleidern. Goldene Ornamente, prächtige Turbane und verzierte Insignien.
Röcke wirbeln im Tanz. Männer, blau bemalt wie Shiva. Musikkapellen und mit Musketen bewaffnete Kamelreiter. Standartenträger, Flötisten und Jäger. Der Auslöser unserer Kamera steht nicht mehr still, die Arme schmerzen längst. Aus dem Stadttor marschieren nun die Elefanten. Mit ihren langen Rüsseln nehmen sie Geldscheine entgegen, die ihnen Zuschauer entgegenstrecken. Gottheiten schweben auf Podesten über die Straße. Ein zeitloser Moment. Die Parade scheint kein Ende zu nehmen und bahnt sich unaufhörlich ihren Weg durch die Menschenmenge. Flaggen und Wimpel wehen. Säbel werden gezogen. Weiße Pferde ziehen prachtvoll geschmückte Kutschen.
Und dann, nach zwei oder drei Stunden, die wie Minuten vergingen, lassen die Drohnen über uns Rosenblätter herabregnen. Es ist das Ende einer unglaublichen Show.
Schlagartig löst sich die Menge auf. Die Polizisten treiben uns und alle anderen davon. Da rollen bereits die ersten Autos und Motorroller heran. Hupenlärm, laute Rufe und die letzten Klänge der Musikkapellen vermischen sich zu einer dichten Kakophonie. Unsere Ohren klingeln noch. Die Schritte sind unsicher. Wir sind berauscht von den Eindrücken.
Die blaue Stunde legt sich über Jaipur. Die Affen auf den Dächern scheinen uns auszulachen. Fett und müde sitzen sie auf Giebeln und Mauervorsprüngen und blicken auf uns herab. Müll weht durch die Straßen und der Palast der Winde leuchtet wie ein Klumpen Gold in diesem wunderschönen Abendlicht.
JAL MAHAL
AMBER PALACE
ARRIVAL IN ALWAR
OUTRO
Moosi Maharani Ki Chhatri
Rani Ka Mahal, Alwar
OUTRO
Infos zu unserer Reise
Wir hatten eine fantastische Zeit in Tunesien. Doch das liegt auch daran, dass wir mit dem eigenen Auto, genauer gesagt mit einem Geländewagen, angereist sind. Das gab uns nicht nur die Möglichkeit, das Land in unserem eigenen Tempo zu erkunden, sondern auch, in untouristische Ecken vorzudringen. Dort bestach uns Tunesien weniger durch Kulinarik und Kultur als durch seine bizarren, einzigartigen Landschaften, die wir beim Wildcampen ganz für uns allein hatten. Die einsamen Nächte in der Wüste oder an der Rommelpiste, die Sonnenauf- und -untergänge sowie die unverfälschten Einblicke in den Alltag der Menschen machten unsere Reise besonders. Auf keine andere Weise hätten wir das Land so erleben können.
Im Umkehrschluss bedeutet das: Wir empfehlen euch Tunesien nicht, wenn ihr nur ein paar Tage faul am Strand liegen oder einen klassischen Städtetrip unternehmen wollt. Tunesien – so unsere Meinung – wirkt nur im Ganzen. Wenn ihr Lust auf unterschiedliche Eindrücke und Aktivitäten habt, Zeit mitbringt und euch auf Neues einlassen wollt, dann seid ihr hier genau richtig. Aber Achtung: Vorher solltet ihr unbedingt eure Französischkenntnisse (oder euer Arabisch) auffrischen – das wird euch ungemein weiterhelfen.
Tunesien ist ein ausgesprochen günstiges Reiseland – insbesondere für Individualreisende. Kraftstoffpreise liegen deutlich unter dem europäischen Niveau: Im Herbst 2025 kostete ein Liter Benzin rund 0,70 Euro. Auch viele Grundnahrungsmittel sind preiswert, vor allem lokale Produkte wie Brot, Gemüse, Datteln oder Oliven.
Ein einfaches Doppelzimmer in einem landestypischen Hotel oder einer Pension kostet in der Regel zwischen 40 und 70 Euro pro Nacht. In touristischen Hochburgen oder in der Hauptsaison können die Preise deutlich höher liegen, während kleinere Unterkünfte im Landesinneren günstiger sind. Ferienwohnungen sind oft eine preiswerte Alternative, besonders bei längeren Aufenthalten.
Kartenzahlung ist selten möglich, auch nicht an Tankstellen. In den größeren Städten findet ihr aber immer einen ATM zum Geldabheben. Ihr solltet euch ebenfalls darauf einstellen, dass viele Waren und auch Sprit nicht immer und überall verfügbar sind (dies gilt in erster Linie für den Westen und Süden des Landes). Haltet eure Vorräte und Geldbestände also immer aufgefüllt.
Die tunesische Küche ist geprägt von einfachen Zutaten und starken Aromen. Grundlage vieler Gerichte sind Couscous, frisches Fladenbrot (gibt es immer mal wieder direkt am Straßenrand, wo es auch gebacken wird, zu kaufen), Olivenöl, Tomaten, Hülsenfrüchte und saisonales Gemüse. Fisch und Meeresfrüchte dominieren die Küstenregionen, während im Landesinneren häufiger Lamm oder Huhn serviert werden.
Typisch ist die großzügige Verwendung von Harissa – einer scharfen Chilipaste, die fast immer separat gereicht wird. Ebenfalls verbreitet sind Brik (gefülltes, knusprig ausgebackenes Teigblatt, oft mit Ei und Thunfisch), Ojja (eine würzige Tomaten-Ei-Pfanne) oder Salade Mechouia, ein rauchiger Salat aus gegrilltem Gemüse.
Kulinarisch sollte man keine hochkomplexe Gourmetküche erwarten. Besonders außerhalb touristischer Zentren ist die Auswahl oft überschaubar und wiederholt sich. In der Gegend um Douz bekamen wir beispielsweise immer Brik serviert. Dafür überzeugt das Essen durch Frische, Bodenständigkeit und ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Wer offen für einfache Gerichte ist und lokale Restaurants bevorzugt, wird in Tunesien gut und günstig essen.
Alkohol ist in der Regel nur in großen Supermärkten in abgetrennten bereichen erhältlich, aber nicht überall selbstverständlich und vergleichsweise teuer. Minztee, starker Kaffee und frisch gepresste Säfte sind dagegen allgegenwärtig.
In Tunesien könnt ihr vergleichsweise günstig übernachten – allerdings ist der gebotene Service beziehungsweise Standard häufig eher einfach. Wenn ihr Wert auf stilvolle, individuell gestaltete Zimmer legt, bewegt ihr euch meist im Bereich von etwa 70 bis 100 Euro pro Nacht. In den großen Hotelanlagen entlang der Mittelmeerküste findet ihr teilweise günstigere Angebote mit solider Ausstattung, allerdings oft ohne besonderen Charakter.
Besonders empfehlenswert sind Übernachtungen in sogenannten Dars – kleinen, oft liebevoll restaurierten Gästehäusern, die sich meist in den Altstädten befinden. Sie bieten Atmosphäre, persönliche Betreuung und architektonischen Charme.
Für die wenigen Campingplätze in Tunesien gilt Ähnliches: Die Preise sind niedrig, der Standard jedoch ebenfalls. Einfache Sanitäranlagen und gelegentlich Plumpsklos gehören dazu. Wenn ihr nach Douz reist – dem klassischen Ausgangspunkt für Touren in die Sahara – landet ihr vermutlich auf dem Camping Club Desert. Die französische Betreiberin Sophie ist sehr hilfsbereit, der Platz verfügt über Waschmaschinen und einfache Sanitäranlagen. Zudem kommt man hier leicht mit anderen (Offroad-)Reisenden ins Gespräch. Insgesamt ist der Campingplatz jedoch in die Jahre gekommen; für ein ähnliches Budget findet man mitunter auch feste Unterkünfte mit höherem Komfort.
Die meiste Zeit haben wir allerdings wildgecampt. Dabei fühlten wir uns ausnahmslos sicher und willkommen. Zwar berichten manche Reisende davon, nachts von der Polizei geweckt und mit Verweis auf Sicherheitsbedenken in ein Hotel geschickt worden zu sein, doch uns ist das nicht passiert. Wie immer gilt: Am besten vor Ort nachfragen, wo man sicher stehen kann, oder direkt einen Grundstücksbesitzer um Erlaubnis bitten – das schafft Klarheit und zeigt Respekt.
Die Polizei- und Militärpräsenz in Tunesien ist sichtbar hoch. An vielen größeren Straßenkreiseln steht in der Regel eine Polizeistreife, insbesondere an wichtigen Verkehrsachsen und in Grenzregionen. Mit unserem deutschen Fahrzeug wurden wir jedoch nie kontrolliert oder herausgewunken. Lediglich in unserer ersten Nacht in der Sahara wurden wir von einer Kontrolle überrascht; die Beamten wollten unsere Befahrungserlaubnis für das Wüstengebiet sehen. Die Begegnung verlief professionell und freundlich. Insgesamt fühlten wir uns während der gesamten Reise – sowohl in den Städten als auch in abgelegenen Regionen – durchgehend sicher.
Unabhängig von unseren persönlichen Erfahrungen weisen offizielle Stellen wie das Auswärtiges Amt darauf hin, dass es in bestimmten Grenzgebieten (und aktuelle auch in den Bergen um Sbeitla und Kasserine), insbesondere nahe der algerischen und libyschen Grenze, aufgrund islamistischer Gefährdungslagen zu erhöhten Sicherheitsrisiken kommen kann. Diese Regionen haben wir bewusst gemieden. Vor Reiseantritt empfiehlt es sich, die aktuellen Reise- und Sicherheitshinweise zu prüfen.
Unser Eindruck ist, dass es in Tunesien vor allem zwei Formen des Tourismus gibt: klassische Pauschalreisende und individualreisende Overlander. Die erste Gruppe ist in Hotels und Ferienanlagen entlang der Küste bestens versorgt, die zweite bringt in der Regel alles Notwendige im eigenen Fahrzeug mit.
Wer mit Kind unterwegs ist, sollte wissen: Abseits der touristischen Zentren ist die öffentliche Infrastruktur nur eingeschränkt auf Familien ausgerichtet. In manchen Regionen war es bereits herausfordernd, Diesel oder bestimmte Lebensmittel zu bekommen. Windeln, spezielle Babynahrung oder eine schnelle, gut ausgestattete medizinische Versorgung sind außerhalb größerer Städte nicht selbstverständlich. Entsprechend wichtig sind eine realistische Planung, ausreichende Vorräte und eine gewisse Flexibilität.
Positiv hervorzuheben ist die Haltung der Menschen: Wir haben Tunesierinnen und Tunesier als freundlich, respektvoll und zurückhaltend hilfsbereit erlebt. Mit Kindern wird man vielerorts besonders herzlich empfangen.
Tunesien verfügt über eine gut ausgebaute Autobahn entlang der Ostküste (mautpflichtig), während der Rest des Landes von einem Netz solider Landstraßen überspannt wird. Der Straßenzustand ist in der Regel gut, und längere Fahrten sind problemlos möglich. Der Verkehr in den Städten, insbesondere in Tunis, kann chaotisch wirken, ist aber im Großen und Ganzen gut handhabbar. Die gefürchteten Kreisverkehre erscheinen – unseres Erachtens – deutlich weniger problematisch als vergleichbare Verkehrssituationen in Spanien oder Marokko.
Wer mit dem eigenen Fahrzeug einreist, muss am Hafen eine Haftpflichtversicherung abschließen, da die meisten europäischen KFZ-Versicherungen keinen Schutz für Tunesien bieten.
Abseits der Straßen ist Tunesien ein echtes Offroad-Paradies: Es gibt unzählige Pisten, anspruchsvolle Tracks und ausgedehnte Sandgebiete. Die meisten Routen sind legal befahrbar. In die Sahara darf man offiziell nur mit einem Guide einfahren – eine sinnvolle Regelung, die zugleich die lokalen Tourguides unterstützt. In Douz haben wir jedoch auch eine Reisegruppe getroffen, die eine Befahrungserlaubnis ohne Guide erhalten hatte. Wir würden davon aber abraten, sowohl aus Sicherheitsgründen als auch aus Rücksicht auf die rechtlichen Vorgaben.
- Einen tollen Reiseführer für Tunesien bietet der Reise Know-How Verlag – er liefert tolle Informationen zum Land, Kultur und Essen sowie praktische Tipps ohne einen zu starken Fokus auf Restaurants und Hotels
- Die deutsch-türkische Autorin Necla Kelek hat Frauen porträtiert, die sich für die Freiheit in ihrem Land im Zuge des Arabischen Frühlings eingesetzt haben – diese Geschichten zeigt sie in ihrem Buch Hurriya heißt Freiheit: Die arabische Revolte und die Frauen
- Der Fernsehjournalist Jörg Armbruster zieht zehn Jahre nach dem Arabischen Frühling in seinem Buch Die Erben der Revolution: Was bleibt vom Arabischen Frühling? Bilanz und fragt sich, wie es mit der Arabischen Welt weitergeht
