Ukraine
Die Ukraine ist ein Land, wie wir es auf dem europäischen Kontinent noch nicht erlebt haben. Weite Ebenen, gewaltige Flüsse und die Gipfel der Karpaten treffen hier auf prachtvolle Kirchen, monumentale Architektur und Städte, in denen unterschiedlichste Epochen ihre Spuren hinterlassen haben. Kaum ein anderes Land Europas vereint so viele kulturelle Einflüsse auf so engem Raum.
Goldverzierte orthodoxe Kirchen, eindrucksvolle Bauwerke aus der Zeit der Sowjetunion, unberührte Berglandschaften, quirlige Badeorte am Schwarzen Meer und mit Tschernobyl der Schauplatz der schwersten Nuklearkatastrophe der Geschichte – die Ukraine bietet eine außergewöhnliche Vielfalt an Reisezielen. Hinter jeder Region verbirgt sich eine eigene Geschichte, eine eigene Kultur und ein ganz eigener Charakter.
Die Ukraine zu bereisen bedeutet, sich auf diese Vielfalt einzulassen, Bekanntes hinter sich zu lassen und tief in die Geschichte und Kultur eines Landes einzutauchen, das Reisende immer wieder zu überraschen vermag.
Beim Rundgang durch Kiew fallen uns zuallererst die reich verzierten Kirchen auf. Es gibt sie überall – bunt bemalt, mit goldenen Kuppeln, filigranen Ornamenten und weithin sichtbaren Kreuzen. Ikonen und Heiligenbilder schmücken Fassaden und Innenräume und verleihen der Stadt einen ganz eigenen Charakter.
Das Christentum prägt die Ukraine bis heute sichtbar. Viele Kirchen sind nicht nur bedeutende Bauwerke, sondern zugleich lebendige Orte des Glaubens. Besucher zünden Kerzen an, sprechen leise Gebete oder verharren für einen Moment in der Stille. Selbst wer sich nicht für Religion interessiert, kann sich der besonderen Atmosphäre dieser Gotteshäuser kaum entziehen.
Bei einem Spaziergang durch Kiew offenbart sich die ganze Vielfalt dieser Stadt. Da sind die monumentalen Bauten aus der Sowjetzeit – symmetrisch, brutalistisch und nüchtern. Nur wenige Straßenzüge weiter stehen prachtvolle Sakralbauten, Stadtvillen und Residenzen aus Barock und Jugendstil. Dazu kommen das industrielle Hafenviertel, das knallbunte Comfort Town oder das junge, kreative Podil. Kaum eine andere Stadt vereint so viele architektonische und kulturelle Gegensätze auf engem Raum. Es ist ein Vergnügen, durch die Straßen zu flanieren und all diese Eindrücke in sich aufzusaugen.
Neben all der Schönheit Kiews begegnen uns überall Spuren der jüngeren Geschichte. Fotos von Verstorbenen auf öffentlichen Plätzen, Kriegsdenkmäler, politische Graffiti, Gedenktafeln und vereinzelt noch Straßensperren erinnern an bewegte Jahre. Hinzu kommen die auffallend präsente Polizei und das Militär. Es ist unmöglich, durch Kiew zu gehen, ohne diesen Teil der Stadt wahrzunehmen.
Wohin wir auch gehen, überall erklingt Musik. Aus den tiefen Schächten der U-Bahn-Stationen dringen die gewaltigen Klänge Rachmaninows. Auf der sonntags für den Autoverkehr gesperrten Hauptstraße Chreschtschatyk hat ein Schlagzeuger sein Equipment aufgebaut und spielt mit beeindruckender Energie. Vor einer graffitibemalten Betonmauer schlägt eine Rockband die ersten Akkorde an, während die kraftvolle Stimme ihrer Sängerin durch den Nachmittag hallt.
Als die Sonne untergeht, stehen wir irgendwo am Ufer des Dnepr, des drittlängsten Flusses Europas. Alte Industrieanlagen und Flusskreuzer prägen das Ufer, an dem wir stehen. Am gegenüberliegenden Ufer erstrecken sich Parks, Bäume und ein öffentlicher Stadtstrand. Im Norden zeichnet sich das Gerippe der im Bau befindlichen Podilskyi-Brücke gegen den Abendhimmel ab. Alte Schornsteine ragen über Fabrikgebäude hinaus, ein gelbes Ausflugsschiff legt am Steg an.
Am Kai sitzen zwei junge Menschen. Vielleicht sind sie ein Paar, vielleicht nur gute Freunde. Vielleicht haben sie ein erstes Date und lernen sich gerade kennen. Vielleicht beenden sie gerade ihre Beziehung. Vielleicht sind sie Bruder und Schwester. Ein zarter Augenblick, eingefangen auf Film.
Der Majdan, bildet das Zentrum Kiews. Kaum ein anderer Ort der Ukraine ist so eng mit der jüngeren Geschichte des Landes verbunden. Immer wieder war der Platz Dreh- und Angelpunkt großer Kundgebungen und Protestbewegungen – von der Revolution auf Granit Anfang der 1990er-Jahre über die Orangene Revolution 2004 bis hin zu den Ereignissen des Euromaidan 2013 und 2014.
Umgeben von monumentalen Gebäuden aus verschiedenen Epochen schlägt hier das Herz der Stadt. Unter dem Platz befinden sich eine U-Bahn-Station und eine weitläufige Shoppingmall. Es ist ein Genuss, abends über den Majdan zu schlendern und zuzusehen, wie die Häuser und Straßenlaternen kerzengleich in Licht gehüllt werden.
Ein nebliger, verregneter Morgen in Kiew. Es ist noch dunkel, als wir den Van besteigen, der uns rund 130 Kilometer nach Norden bringt – hinein in die Sperrzone von Tschernobyl, jenem Ort, dessen Name bis heute weltweit für die schwerste Nuklearkatastrophe der Geschichte steht.
Nach gut zwei Stunden Fahrt erreichen wir den ersten Kontrollposten. Ausweiskontrolle, eine kurze Pause, dann geht es weiter. Wenige hundert Meter später folgt bereits die nächste Kontrolle. Hier besichtigen wir das ehemalige Empfangszentrum mit seinen Dekontaminierungsanlagen. Ganz in der Nähe steht das Monument derer, die die Welt gerettet haben. Ein schlichtes Monument von großer Symbolkraft, gewidmet den Liquidatoren – den Feuerwehrleuten, Ingenieuren, Soldaten und zahllosen weiteren Helfern, die unter unvorstellbaren Bedingungen gegen die Folgen der Reaktorkatastrophe kämpften und eine noch größere Katastrophe verhinderten.
Wir fahren zum Reaktor 4, der von einem Mantel aus Stahl und Beton, einem „Sarkophag“, verhüllt ist. Der Geigerzähler piept – die Strahlung hier ist deutlich erhöht, trotz mehrer hundert Meter Abstand zum Reaktor, trotz 30 Jahre seit des Unglücks, trotz einer meterdicken Schutzhülle. Es ist unvorstellbar, welche verheerenden Kräfte damals bei der Atomkatastrophe freigesetzt wurden.
Nur wenige Kilometer entfernt liegt Prypjat. Die 1970 gegründete Planstadt galt einst als moderne Vorzeigestadt der Sowjetunion. Das Kernkraftwerk bot sichere Arbeitsplätze, dazu kamen Schulen, Sportanlagen, Kulturhäuser und vielfältige Freizeitangebote. Für den 1. Mai 1986 sollte der neue Rummelplatz eröffnet werden. Dazu kam es nie. Wenige Tage zuvor havarierte Reaktor 4. Die Bewohner mussten ihre Stadt innerhalb weniger Stunden verlassen – in der Hoffnung, schon bald zurückkehren zu können.
Prypjat ist ein Ort, wie es ihn wohl nur einmal auf der Welt gibt. Hier lebt niemand mehr, nicht einmal Obdachlose. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Wildnis die Stadt zurückerobert. Bäume und Sträuchen wuchern mitten auf Straßen und Parkplätzen. Hirsche streifen zwischen den Häuserreihen umher. Langsam dringt die Vegetation auch ins Innere der Gebäude.
Im ehemaligen Schulgebäude liegen Schulbücher und Hefte noch immer auf den Tischen. Hunderte Gasmasken, einst von Plünderern in den Fluren verteilt, sorgen für einen ebenso surrealen wie beklemmenden Anblick. Vom Dach des Schwimmbads hängen Fetzen der sich auflösenden Isolierung herab. Der Rummel, der kurz vor seiner Eröffnung stand, als Reaktor 4 havarierte, verrostet leise vor sich hin.
Alles hier wird in weiteren tausend Jahren nur noch ein Haufen Schrott und Ruinen sein. Die Archäologen einer weit entfernten Zukunft werden diesen Ort aus dem Schlamm freisetzen und ihn vielleicht als den Wendepunkt der Menschheit deklarieren – den Höhepunkt des Atomzeitalters und die vage Erkenntnis, dass sich manche Kräfte nur schwerlich kontrollieren lassen.
Der Nachtzug bringt uns von Kiew nach Odessa. Wir teilen unser Abteil mit zwei schweigsamen ukrainischen Frauen, die irgendwann in der Nacht an einem kleinen Bahnhof aussteigen.
In Odessa angekommen, ist es erst einmal Zeit für ein deftiges Frühstück und einen heißen Kaffee, nachdem wir unsere Unterkunft im Hinterhof eines Wohnblocks bezogen haben. Anschließend nehmen wir an einer Stadtführung teil. Neben einem Spanier sind wir die einzigen Gäste an diesem Morgen. Ein junger Geschichtsstudent führt uns durch diese Perle an der Schwarzmeerküste. Das Opernhaus, die Universität, der Hafen und zahlreiche weitere Sehenswürdigkeiten ziehen an uns vorbei. Immer wieder erzählt er von den Persönlichkeiten, die Odessa im Laufe seiner Geschichte besucht oder hier gelebt haben – Mark Twain, Alexander Puschkin, Franz Liszt …
Odessa war über viele Jahrzehnte eine der bedeutendsten Hafen- und Handelsstädte am Schwarzen Meer sowie ein kulturelles Zentrum der Region. Das milde Klima, die Seeluft und die zahlreichen Strände machten die Stadt zudem schon früh zu einem beliebten Kur- und Urlaubsort. Händler, Künstler und Einwanderer aus den unterschiedlichsten Teilen Europas prägten über Generationen das Stadtbild und machten Odessa zu einer der kosmopolitischsten Städte Osteuropas.
Die Zukunft der Ukraine ist ungewiss. Sicher ist jedoch, dass dieses Land über einen außergewöhnlichen kulturellen und landschaftlichen Reichtum verfügt, der es unbedingt wert ist, entdeckt zu werden. Wie viele Bauwerke, Kirchen und historische Stadtbilder die vergangenen Jahre unbeschadet überstanden haben und was Reisende künftig vorfinden werden, lässt sich heute kaum abschätzen.
Es bleibt zu hoffen, dass die Ukraine eines Tages wieder ein Land sein wird, das sich unbeschwert bereisen lässt. Denn hinter all den Schlagzeilen verbirgt sich ein faszinierendes Reiseziel mit herzlichen Menschen, beeindruckender Geschichte und einer kulturellen Vielfalt, die uns nachhaltig in Erinnerung geblieben ist.
Infos zu unserer Reise
Die Ukraine ist derzeit (Stand: 2026) touristisch nicht bereisbar. Hinweise und Tipps, die wir euch auf Grundlage unserer Reise hätten geben können, besitzen daher keine praktische Gültigkeit mehr. Preise, Infrastruktur und Reisebedingungen haben sich grundlegend verändert. Auch viele Orte und Sehenswürdigkeiten sind heute nicht mehr dieselben wie zur Zeit unseres Besuchs.
Aus diesem Grund verzichten wir bewusst auf die sonst üblichen Informationen zu Budget, Unterkünften, Fortbewegung oder Sicherheit. Sobald Reisen durch die Ukraine wieder möglich und verlässlich planbar sind, werden wir diesen Bereich entsprechend aktualisieren.
