Moldawien
Ein kleines, ja fast schon vergessenes Land am Rande der EU. Ein zerrissenes Land zwischen Westen und Osten. Ein Land an der Kriegsfront der Ukraine. Ein faktisch geteiltes Land mit einer abtrünnigen Provinz. Ein gänzlich untouristisches Land. Ein Land, das unscheinbarer kaum sein könnte.
Wir reisen nach Moldawien oder – wie es offiziell heißt – in die Republik Moldau. Von dem abgespaltenen und unter russischem Protektorat stehenden Transnistrien bringt uns ein alter, klappriger und in Deutschland vermutlich schon vor Jahrzehnten ausgemusterter Bus in die Hauptstadt Chișinău. Doch die wollen wir erst am Ende unserer Rundreise besichtigen. Jetzt steht erst einmal die moldauische Natur auf dem Plan. Also geht es zum Mietwagenverleiher, und kurz darauf sitzen wir in unserem Dacia Richtung Gagausien im Süden des kleinen Landes.
Die Straßen sind leer. Der Gegenverkehr besteht meist aus alten Dacias oder Eselkarren, gelenkt von faltigen Senioren mit sonnengegerbter Haut. Die Ortschaften sind klein. Wilder Wein wächst an den Fassaden und in den Vorgärten der farblosen Wohnhäuser. Kleine Äcker mit Bohnen, Kohlköpfen und Wurzelgemüse breiten sich hinter löchrigen Zäunen aus. Magere Pferde grasen auf endlosen Weiden. Vogelschwärme ziehen über den blauen Herbsthimmel Richtung Süden und das Wasser der Seen und Flüsse ist eisklar und frisch. Die letzten Ernten werden eingefahren, die Trauben sind prall und schwer oder werden gerade gelesen. Kuhhirten kreuzen unsere Wege und grüßen uns mit einem freudlosen Nicken. Über all das scheint die goldene Oktobersonne und gießt ihre sanfte Wärme über das abgeerntete Land.
Am späten Nachmittag sitzen wir im gagausischen Comrat bei einem Becher Kaffee und Zimtschnecken aus der örtlichen Bäckerei. Gagausien – eine autonome Region innerhalb Moldaus, die politisch eher russlandfreundlich und vielfach EU-skeptisch geprägt ist – hat weite Felder und sanfte Hügelketten zu bieten. Eingeklemmt zwischen Rumänien und der Ukraine bleibt Moldau der Zugang zum Schwarzen Meer verwehrt.
Südlich von Comrat finden wir einen idyllischen Platz für die Nacht am kleinen See Lacul Congaz. Im nahegelegenen Wäldchen gehen wir auf die Suche nach Feuerholz und schaffen es pünktlich zum Einbruch der Nacht, ein wärmendes Feuer zu entzünden. Die Tage in Moldau Anfang Oktober sind golden und mild, die Nächte dagegen empfindlich kalt und die Temperaturen fallen nicht selten bis an den Gefrierpunkt.
Am nächsten Morgen weckt uns ein neugieriger Mann aus dem in Sichtweite gelegenen Dorf. Er spricht Rumänisch – die Amtssprache Moldaus – und wir verstehen kein Wort. Irgendwann macht er uns mit seiner Gestik verständlich, dass er wissen möchte, ob wir hier angeln wollten. Wir schütteln den Kopf, lachen etwas verlegen und mit einem ebenso unsicheren Lächeln verschwindet der Mann sogleich wieder in Richtung des Dorfes.
Wir brechen auf in Richtung Süden, dorthin, wo die drei Länder Rumänien, Moldau und Ukraine aufeinandertreffen. Anschließend folgen wir einer einsamen Landstraße entlang der rumänischen Grenze Richtung Norden. Fischteiche, Feuchtwiesen und der grenzbildende Fluss Pruth umgeben uns. In der nächsten Stadt kehren wir für ein deftiges moldauisches Mittagessen ein: kleine Teigtaschen in einer reichhaltigen Sahnesauce. Anschließend folgen wir einer geschotterten Wellblechpiste durch wunderschön angelegte Weinbaugebiete. Unser kleiner Dacia schwimmt förmlich über den schlechten Straßenbelag und rüttelt uns kräftig durch.
Es dunkelt bereits, als wir unser Auto über eine ausgewaschene Piste hinunter zu einem Fischteich quälen. Ein wunderbarer Ort für die Nacht. Auf der anderen Seite des Sees funkeln die spärlichen Lichter eines einzelnen Hauses. Moldau ist ein dünn besiedeltes Land. Eine angenehme Ruhe scheint allgegenwärtig.
Als wir nach dem Abendessen gemütlich am Lagerfeuer sitzen, schält sich lautlos ein Mann aus der Dunkelheit. Plötzlich knipst er seine Taschenlampe an und leuchtet uns ins Gesicht. Ein Schreckmoment! In unverständlichen Worten stellt er uns immer wieder dieselbe Frage. Endlich dämmert es uns: Auch er möchte wissen, ob wir hier zum Fischen seien. Wir verneinen, und mit einem letzten kritischen, aber keineswegs unfreundlichen Blick verschwindet der Mann wieder in der absoluten Dunkelheit. Ratlos, aber müde, verkriechen wir uns ins Zelt und verbringen den Rest der Nacht ungestört – allerdings bei eisigen Temperaturen.
Morgennebel wabert über dem Fischteich. Unser Zelt ist von gefrorenem Reif bedeckt. Schnell packen wir alles zusammen und machen uns auf den Weg zum Weingut Cricova, um unsere kalten Glieder bei einer Weinprobe zu erwärmen. Staats- und Regierungschefs aus aller Welt, darunter Angela Merkel und John Kerry, haben die kilometerlangen Tunnel des Weinguts besichtigt. In den weit verzweigten Kellern lagern einige der wertvollsten Weine des Landes.
Nicht weit von Cricova liegt die historische Stätte samt Kloster Orheiul Vechi. Auf einer bizarren Hügelkette gelegen und von tief eingeschnittenen Tälern umgeben, erstreckt sich hier eine einzigartige Kulturlandschaft. Fluvial geprägt von der Răut finden sich archäologische Ausgrabungen, Höhlenklöster, alte Siedlungsreste und eine kleine Kirche auf dem Rücken eines Berges. Dies ist vielleicht die schönste Gegend Moldaus – oder gar der gesamten Region.
Am Abend erreichen wir die Hauptstadt Chișinău. Ohne die Stadt zuvor angemessen zu würdigen, stürzen wir uns direkt in das jährlich stattfindende und überaus bedeutende Weinfestival. Das Zentrum der Stadt ist gefüllt mit Imbissständen, den Ausschänken der Weingüter und gefühlt der gesamten Bevölkerung der Hauptstadt. Es ist ein erstaunlich warmer Abend. Die Menschen sind ausgelassen, tanzen und musizieren, singen traditionelle Lieder und genießen das Produkt, auf das sie hier alle stolz sind: den hervorragenden Wein ihres kleinen Landes.
Der nächste Morgen ist unser letzter in Moldawien. Wir streifen durch die beschauliche Innenstadt von Chișinău. Die Stadt ist, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, etwa so groß wie Frankfurt am Main, flächenmäßig jedoch etwa halb so groß. Wir nehmen an einer Stadtführung teil und genießen die Herbstsonne bei einer Tasse Kaffee und moldauischem Gebäck. Die Straßen sind erstaunlich leer. Vermutlich liegen noch einige vom gestrigen Weinfest erschöpft in ihren Betten.
Irgendwann ist der Zeitpunkt der Abreise gekommen. Wir ziehen die Tür unseres Airbnbs hinter uns zu – eine kleine Wohnung im Hinterhof eines von Weinranken überwucherten Hauses am Rande der Innenstadt – und nehmen ein Taxi zum Flughafen. Wir denken nach über unseren kurzen Ausflug in dieses kleine Land, das auf den ersten Blick nur wenige Sehenswürdigkeiten zu bieten scheint, dessen Menschen aber auf so vieles stolz sind. Tradition und Weinkultur besitzen hier einen besonderen Stellenwert. Die Menschen sind nicht reich, doch sie halten zusammen und scheinen zumindest reich an Familie und Freunden zu sein. Es ist diese besondere Herzenswärme, die Moldau zu einem Erlebnis macht.
Infos zu unserer Reise
Im Grunde reicht eine Woche vollkommen aus, um Moldawien kennenzulernen, denn die Zahl der klassischen Sehenswürdigkeiten ist überschaubar. Die Hauptstadt Chișinău könnt ihr an einem intensiven Tag erkunden, als Genießer auch in zwei oder drei Tagen. Ein absolutes Highlight ist Orheiul Vechi. Auch hier reichen ein, für kunsthistorisch Interessierte maximal zwei Tage völlig aus. Die übrige Zeit solltet ihr nutzen, um Weingüter zu besuchen, Weinproben zu machen und die weiten Felder, sanften Hügellandschaften und Weinberge des Landes auf euch wirken zu lassen. Darüber hinaus lässt sich eine Reise nach Moldau hervorragend mit einem Besuch in der abtrünnigen Region Transnistrien oder einer Rundreise durch Rumänien verbinden.
Wem würden wir also eine Reise nach Moldau empfehlen? Wer auf der Suche nach einer langen Liste weltberühmter Sehenswürdigkeiten ist, wird vermutlich enttäuscht werden. Moldau lebt vielmehr von seiner Ruhe, seiner Weinkultur, den ländlichen Landschaften und den Menschen. Ob sich dafür eine eigenständige Reise lohnt, muss jeder für sich entscheiden. Wir würden das Land vor allem denjenigen empfehlen, die gern abseits der bekannten Reiserouten unterwegs sind oder ohnehin eine Reise durch Osteuropa planen. Dann ist Moldawien eine spannende und überraschend authentische Ergänzung.
Moldau gehört zu den günstigsten Reisezielen Europas. Unterkünfte, Restaurantbesuche, Mietwagen und auch Weinproben sind deutlich preiswerter als in Deutschland oder den meisten EU-Staaten. Gerade außerhalb von Chișinău könnt ihr mit vergleichsweise kleinem Budget komfortabel reisen. Wer in lokalen Pensionen übernachtet, regionale Gerichte probiert und sich durch die zahlreichen Weingüter des Landes kostet, erhält viel Gegenwert für sein Geld. Lediglich importierte Waren sowie manche touristischen Angebote können überraschend teuer ausfallen.
Auf den Tisch kommen häufig Suppen, Teigtaschen, gegrilltes Fleisch, eingelegtes Gemüse sowie Maisgerichte wie Mămăligă, ein fester Maisbrei, der als Nationalgericht gilt. Das Ganze ist von russischer, rumänischer und vielleicht sogar ein wenig türkischer Küche beeinflusst. Wer Moldau besucht, sollte unbedingt die regionalen Weine probieren, denn der Weinbau besitzt hier eine jahrtausendealte Tradition und ist ein wichtiger Teil der nationalen Identität. Insgesamt sind Restaurantbesuche erfreulich günstig, insbesondere außerhalb der Hauptstadt.
Wir schliefen ausschließlich im Zelt und hatten lediglich in der Hauptstadt Chișinău ein (mittelmäßiges) Airbnb. Allgemein ist die Auswahl an Hotels außerhalb von Chișinău überschaubar, die Preise zum Glück auch. In Chișinău solltet ihr schöne Zimmer für unter 100 Euro finden.
Moldau gilt grundsätzlich als sicheres Reiseland. Während unserer Reise hatten wir zu keinem Zeitpunkt ein ungutes Gefühl und wurden überall freundlich und hilfsbereit empfangen. Die Kriminalitätsrate ist vergleichsweise niedrig und Gewalt gegen Touristen selten. Natürlich solltet ihr in Chișinău und an belebten Orten die üblichen Vorsichtsmaßnahmen beachten. Besondere Aufmerksamkeit erfordert lediglich die politische Situation rund um die abtrünnige Region Transnistrien sowie die Nähe zum Krieg in der Ukraine. Für die meisten Reisenden beschränkt sich dies jedoch auf ein Thema der Nachrichtenlage und nicht des Reisealltags.
Wir reisten ohne Kind durch Moldawien und können daher keine konkreten Erfahrungen beisteuern. Da das Land jedoch als sicher gilt, die Entfernungen überschaubar sind und die meisten Reisenden ohnehin eher eine kurze Rundreise als einen mehrwöchigen Urlaub planen, spricht grundsätzlich wenig gegen eine Reise mit Kindern. Die medizinische Versorgung erreicht zwar nicht das Niveau Westeuropas, in Chișinău findet ihr jedoch die wichtigsten Einrichtungen und Geschäfte für den täglichen Bedarf. Wer mit Kleinkindern reist, sollte spezielle Medikamente, Babynahrung oder andere wichtige Produkte dennoch lieber von zu Hause mitbringen.
Moldawien bereist ihr am einfachsten und zugleich recht günstig mit dem Auto oder Mietwagen. Die bekannten Autovermieter sind in Chișinău vertreten und die Entfernungen innerhalb des Landes überschaubar. Der Verkehr ist insgesamt entspannt und gerade außerhalb der Hauptstadt oft erstaunlich gering. Allerdings ist Moldawien nach wie vor stark landwirtschaftlich geprägt. Rechnet daher jederzeit mit Viehherden, langsamen Traktoren, Pferde- oder Eselskarren sowie anderen Hindernissen auf der Fahrbahn.
Alternativ gibt es ein Schienennetz sowie ein dichtes Netz an Überlandbussen und Sammeltaxis, die die wichtigsten Orte miteinander verbinden. Für die meisten Sehenswürdigkeiten reicht dies grundsätzlich aus. Dennoch würden wir für eine Rundreise klar zum Mietwagen raten. In diesem dünn besiedelten Land verschafft er euch die größtmögliche Flexibilität und ermöglicht es, auch abgelegene Dörfer, Weingüter und Naturgebiete problemlos zu erreichen.
- Zwanzig Lewa oder tot: Reisen nach Moldawien, Serbien, Kroatien und Bulgarien ist ein Reisebericht des österreichischen Autors Karl-Markus Gauß, in dem er unter anderem das moldawische Gagausien bereist – kurzweilig, zugänglich geschrieben und gerade so 200 Seiten dick eignet sich das Buch als leichter Einstieg.
- Wir waren damals mit dem Lonely Planet Eastern Europe Reiseführer unterwegs – auch wenn Moldawien hier nur einen kurzen Abschnitt erhält, deckt der Reiseführer die gesamte Region Osteuropas ab und ihr könnt so einen tollen Rundtrip planen.
