Irland

Irland, du hast es uns nicht gerade leicht gemacht. Deine saftig grünen Wiesen versanken im Schlamm, als wir über sie wandern wollten. An den Küsten wehte ein kalter Wind, Feuchtigkeit und Nässe krochen in die Häuser und bis tief in unsere Knochen. Man hatte uns schon gesagt, du seist launisch und wollest nicht um jeden Preis gefallen. Doch dann zeigtest du uns in zehn Tagen die ganze Bandbreite deines schlechten Wetters. Du vereiteltest unsere Pläne, warfst alles durcheinander und schicktest uns mit gemischten Gefühlen wieder nach Hause. Als arme Studenten mit wenig Gepäck und noch weniger Geld hatten wir deinen üblen Launen wenig entgegenzusetzen.

Trotzdem schenktest du uns auch ein paar Sonnenstrahlen. Und viele, viele wunderbare Begegnungen mit Menschen, die dich genau so lieben, wie du bist. Das machte uns Mut. Mut, es eines Tages noch einmal miteinander zu versuchen und darauf zu hoffen, dass du uns dann etwas offener empfängst.

Doch auch wenn nicht: Du bist Irland. Du bist der Atlantik. Du bist das Gestein einer Insel. Du bist das Küstengras. Und du bist der Whiskey, der all dem zu entstammen scheint.

Old Boat in Connemara-Nationalpark

In Dublin vermischen sich altirische Pubkultur, modernes Bankenwesen, Start-up-Flair, Studentenleben, Overtourism und tausend Jahre Geschichte zu einem unheimlich bunten Potpourri. Wir beginnen unsere Tour durch die Stadt im Trinity College Dublin mit seiner beeindruckenden Bibliothek. Weiter geht es durch den lebhaften Bezirk Temple Bar, durch die Fußgängerzone und schließlich zum Dublin Castle. Wir sitzen bei Regen unter dem Dach eines Pavillons im Stadtpark und essen Käsesandwiches aus dem Supermarkt.

Am Hafen schlendern wir zwischen zwei Regenschauern vorbei an roten Backsteinfassaden, hohen Glasfronten und Coworking Spaces. Die Namen großer Internetfirmen stehen auf Schildern neben den Eingangstüren.

In einem alten Industrieviertel liegt die Guinness-Brauerei. Der Rolls-Royce-Fanclub braust in liebevoll restaurierten Phantom- und Silver-Cloud-Modellen an uns vorbei. Große Gasrohre und Stahlskelette ragen über uns auf. In der Luft liegt der Geruch von Regen und Alkohol, und für einen Moment fühlen wir uns um hundert Jahre in der Zeit zurückversetzt.

Skyline of Dublin
Old-Timer in Dublin
Old-Timer in Dublin
Sand Woman in Dublin

Nachdem wir deine schöne Hauptstadt verlassen haben, verlassen wir auch dich, Irland. Und doch bleiben wir auf deiner saftig grünen Insel. Wir tauschen Euro gegen Pfund, Guinness gegen Ale und Cider. Mit dem Zug fahren wir über eine Grenze, die einst zu viel Gewalt führte und bis heute nachwirkt. Eine geteilte Insel, eine geteilte Nation – und am Ende doch dieselben Menschen. Belfast, Giant’s Causeway, Derry/Londonderry. Und dann zurück zu dir, zurück nach Irland.

Am anderen Ende deiner Insel, beinahe genau gegenüber von Dublin, liegt die mittelalterliche Hafenstadt Galway. Ein beschauliches Städtchen voller Pubs und Musik, geprägt vom Meer, den steilen Klippen und einer kargen, aber wunderschönen Natur. Wir wohnen bei einer Musikerfamilie und stampfen abends in den Pubs zu irischen Liedern den Takt mit den Füßen, während wir uns ein dunkles Guinness schmecken lassen.

Am nächsten Tag leihen wir uns Fahrräder und erkunden die Umgebung. Graue Wolken ziehen über unsere Köpfe hinweg. Während eines kurzen Schauers fliehen wir in das Stadtmuseum. Wir schlendern am Hafen entlang und essen ein bescheidenes (zugleich günstiges) Mahl aus dem Supermarkt auf einer Parkbank an einem Kanal.

Galway Bay

Als unsere Stimmung ziemlich mies ist, wir vom ständigen Regen und dem für August überraschend kühlen Wetter genug haben, führst du uns plötzlich an einen magischen Ort – nach Connemara. Vor uns öffnet sich eine weite, stellenweise zerklüftete Heidelandschaft. Einsame Seen, Büsche, vereinzelte Nadelbäume und sogar weiße Sandstrände hältst du für uns bereit.

Doch je tiefer wir in den Connemara-Nationalpark vordringen, desto dichter zieht sich der Himmel zu. Gerade als wir den Aufstieg zum Diamond Hill beginnen, fällt ein feiner Nieselregen auf uns herab. Dichter Nebel zieht über unsere Köpfe hinweg. Vany kehrt zu unserer Reisegruppe zurück, Chris macht sich allein an den Aufstieg. In halsbrecherischem Tempo – denn die Zeit ist begrenzt – hastet er den steilen Weg hinauf. Zunächst raubt ihm der Anstieg den Atem, oben angekommen dann die Aussicht: langgezogene Täler, blassgrüne Steilhänge und felsig-nackte Bergspitzen. Eine Landschaft wie aus einem Film.

Dieser kurze, windumtoste Augenblick, zwischen Regentropfen und Atemlosigkeit, zeigt deine wahre Schönheit, Irland.

Lake in Connemara
Beach in Connemara-Nationalpark
Beach in Connemara-Nationalpark
Connemara-Nationalpark View from Diamond Hill
Connemara-Nationalpark

Wir wollen uns ein Auto mieten, um zu den Cliffs of Moher zu fahren. Doch die Mindestaltersgrenze liegt bei 25 Jahren – wir sind noch zu jung. Ein weiterer kleiner Tiefpunkt, ein weiterer Plan, der nicht aufgeht. Enttäuscht nehmen wir den Bus zurück nach Dublin, um unsere letzten Tage dort zu verbringen. Ein vollgestopftes Hostel, selbst gekochte Pasta mit Tomatensauce und der immergleiche Mix aus Regen und kurzen Momenten Sonnenschein.

Bei gutem Wetter lassen wir uns durch die quirligen Gassen und Straßen treiben. Beim nächsten Regenschauer suchen wir ein Museum auf – die sind in der Regel kostenlos.

Irland, du hast es uns bis dahin sonnenverwöhnten Südostasien-Backpackern nicht gerade leicht gemacht. Vielleicht braucht es mehr Leidensfähigkeit, als wir sie damals hatten. Vielleicht braucht es die richtige Outdoorbekleidung. Vielleicht braucht es mehr Geld, um Schlechtwettertage in den Pubs auszusitzen. Vielleicht braucht es mehr Reiseerfahrung, um auch aus Widrigkeiten das Beste zu machen.

Du warst eine unserer ersten gemeinsamen Reisen. Doch trotz aller Widrigkeiten hast du unsere Reiselust nicht gemindert. Im Gegenteil: Mehr als zehn Jahre später keimt in uns wieder die Sehnsucht nach deinen feuchten Wiesen, deinen schroffen Küsten und den tief hängenden Regenwolken. Wir werden zurückkehren – darauf kannst du dich verlassen.

Infos zu unserer Reise