Vatikan

Da sind wir also – im kleinsten Staat der Welt. Wir stolpern aus der U-Bahn-Station Ottaviano und kämpfen uns durch die überfüllte Fußgängerzone des Jugendstilviertels Prati westlich des Tiber. Souvenirläden sowie Stände mit Getränken und Fast Food weisen bereits auf die nahe Pilgerstätte und das Zentrum des Christentums hin. Kurz darauf stehen wir in der Schlange zum Petersdom. Die geschätzte Wartezeit beträgt mehrere Stunden.

Natürlich hätten wir früh am Morgen hier sein müssen. Natürlich hätten wir die Eintrittskarten online buchen können. Natürlich hätten wir in einem anderen Jahr kommen sollen – denn 2025 ist ein Heiliges Jahr mit besonders hohem Besucheraufkommen. Aber es ist, wie es ist, und mit unserem kleinen Mann entscheiden wir uns gegen das Warten. Stattdessen laufen wir in Richtung der Vatikanischen Museen.

Auch dort bietet sich das gleiche Bild: eine endlose Warteschlange. Gerade als wir schon aufgeben und umkehren wollen, winkt uns eine Frau herbei. Mit Kleinkind dürfen wir direkt zum Einlass gehen – keine Wartezeit, kein Anstehen. Ein göttlicher Wink? Kurz darauf befinden wir uns tatsächlich im Vatikan.

Pope's Museum in the Vatican
St. Peter's Basilica in the Vatican
Pope's Museum in the Vatican
Pope's Museum in the Vatican

In einer endlosen Schlange von Menschen schieben wir uns – oder werden geschoben – durch die engen Gänge. Die Decken, die Wände, die Fußböden: Alles strahlt vor Glanz und Pomp. In der Kunstgalerie hängen Gemälde von unschätzbarem Wert, sowohl monetär als auch kulturell. Fresken zieren die Kuppeln der Hallen, feinster Marmor verschönert Torbögen und Säulen. Statuen aus Alabaster, Vorhänge aus schwerem Samt. Büsten und Kunstgegenstände, antike Sammelobjekte, alte Schriften und noch älteres Wissen – zusammengetragen, geraubt, erhalten, geschenkt, gesammelt, in Auftrag gegeben.

Man mag sich kaum vorstellen, woher all diese Schätze stammen und auf welchen Wegen sie hierher gelangten. Wie viele Lebensjahre in die Malerei der Gemälde an Wänden und Decken geflossen sind. In der Sixtinischen Kapelle verewigten sich die größten Künstler ihrer Zeit. Allein an dem rund 16 Quadratmeter großen Fresko „Die Erschaffung Adams“ arbeitete Michelangelo mehrere Jahre. Insgesamt umfasst die Decke der Kapelle etwa 520 Quadratmeter.

Pope's Museum in the Vatican
Pope's Museum in the Vatican
Pope's Museum in the Vatican
Pope's Museum in the Vatican

Wir folgen immer wieder den Hinweisschildern und Richtungspfeilern durch das Labyrinth der Gänge, verirren uns und laufen Wege mehrfach hintereinander, ohne wirklich anzukommen. Plötzlich stehen wir in einem großen Innenhof, in dessen Mitte eine goldene Kugel ruht. Das Kunstwerk trägt den Titel „Sfera con sfera“ und stammt von Arnaldo Pomodoro. Es zeigt eine Kugel in einer Kugel.

Diese Skulptur findet sich an verschiedenen Orten auf der Welt: am Trinity College in Dublin, im Hakone Open-Air Museum in Japan oder am United Nations Plaza in New York. Der Künstler wollte einen Bruch sichtbar machen – zwischen Innen- und Außenleben, zwischen Perfektion und Imperfektion, zwischen Einheit und Unvollständigkeit. Doch hier, im zentralen Innenhof der Vatikanischen Museen, erscheint uns diese Kugel fast wie ein humorvolles Augenzwinkern. War es nicht die Kugel, die einst einen Disput auslöste, der die Menschheit aus dem Zeitalter der reinen Gläubigkeit und religiösen Gewissheiten hinaus und hinein in ein Zeitalter der Aufklärung führte? Die Kugel als Auslöser einer Zeitenwende, als Startpunkt von Humanismus und Wissenschaft.

Einerseits verblüfft, andererseits ausgelaugt, verlassen wir den Vatikan. Eine Reise in den kleinsten Staat der Welt ist zugleich eine Reise in das Herz und die Seele unserer europäischen, christlich geprägten Kultur – ein Ritt durch Jahrhunderte Geschichte. Es gleicht einer Reise in das Innere eines Neutronensterns, der alles in sich aufgenommen hat. Das Gesehene zu begreifen und zu verstehen, ist unmöglich. Wir können lediglich staunend davorstehen.

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