Ubon Ratchathani
Wer den Isaan in seiner gesamten Breite durchquert, der gelangt in die östlichste Provinz von Thailand: Ubon Ratchathani, umgeben von Laos und Kambodscha. Der Mun-Fluss und der mächtige Mekong fließen hier zusammen. Staubige Hochebenen im Osten, immergrüner Regenwald im Süden begrenzen die Region und brachten ihr den Namen „Smaragdenes Dreieck“. Hier liegen Canyons und prähistorische Wandmalereien. Eine gigantische Solaranlage schwimmt auf dem künstlichen, eingestauten See hinter der Sirindhorn Talsperre. Atemberaubende Tempel locken Rückzugsuchende und Gläubige an, bringen Geld und Touristen in die Region.
Unseren ersten Halt machen wir am Waldkloster Wat Pah Nanachat. Paradiesisch verstreut liegt die gepflegte Tempelanlage im Dschungel nahe der Provinzhauptstadt Ubon. Zwischen den hohen, alten Bäumen ist es etwas kühler als auf den staubigen Straßen, doch die Luftfeuchtigkeit ist umso höher. Aus aller Welt kommen Buddhisten hierher, um zu meditieren und sich im Glauben weiterzubilden. Der Tempel nimmt jeden kostenlos auf, der bereit ist, das einfache Leben der Mönche für mindestens drei Tage, besser einen ganzen Monat, zu praktizieren. Ein Leben ohne Medien, Elektronik, Alkohol, Zigaretten, Konsum – gänzlich ohne jeglichen Komfort. Eine Mahlzeit am Tag, stundenlange, konzentrierte Meditation.
Es ist heiß, weit über 40° Celsius zeigt das Thermometer an. Die Straße flimmert, die Provinzhauptstadt Ubon Ratchathani ist wie leergefegt. Ein stiller Mönch sitzt im Schatten des Tempel-Shops des Thung Si Mueang im Stadtzentrum und verfolgt unsere Schritte. Der Tempel beherbergt einen von Wasser umgebenen Teakholzbau auf Stelzen – eine jahrhundertealte Bibliothek mit in Tüchern eingeschlagenen buddhistischen Schriften. Einen Häuserblock weiter liegt der Stadtpark. Ein goldenes Schiff-Monument, Fitnessgeräte und ein Spielplatz. In Tücher gehüllte Frauen – zum Schutz vor der Sonne – fegen die Wege und sammeln Müll.
Wir folgen dem Mun-Fluss von Ubon nach Osten über Weidelandschaften und dichten Wald. Plötzlich geben uns die Bäume frei und wir blicken von einem Plateau hinab auf den Mekong, auf das gegenüberliegende Laos und den Ort Khong Chiam. Abseits der Straße, die steil ins Tal hinabführt, ragt ein gigantischer Gong auf. Der Tempel Tham Khuha Sawan liegt malerisch am Berghang. Es ist immer noch zu heiß für einen Tempelbesuch, so sind wir beinahe die einzigen Menschen, die zwischen Buddhastatuen, Naga-Schlangen und einer Vielzahl von religiösen Symbolen umherirren.
Eine Stahlbrücke führt über den Mun-Fluss. Hundert Meter abseits der Straße leuchten die bunten Lichter einer Karaoke-Bar. Zwei bauchfreie Frauen in kurzen Hotpants stehen vor der Tür und starren in die Abenddämmerung. Wir übernachten in einem Hotel am Mekong, schauen hinüber auf Laos, ein armes Land, abgehängt und vergessen von der Welt.
Am nächsten Morgen besuchen wir eine Weberei. Aus frisch gepflückter Baumwolle werden hier Kleidung und Tücher gewebt und gefärbt. Man zeigt uns den traditionellen Herstellungsprozess – ein schönes Handwerk, eine großartige Tradition. Zwischen Starbucks-Cafés, 7Elevens und McDonald-Restaurants sind es diese Begegnungen mit echten Menschen und ihren Talenten, die Regionen reich und interessant machen.
In der Trockenzeit liegt der Pha Taem Nationalpark als verdorrtes Hochplateau vor uns. Die Bäume und Büsche sind kahl, der Parkplatz ist ein riesiger Felsen, der einer Bratpfanne gleich das Sonnenlicht reflektiert. Hitze von überall – das Thermometer im Auto zeigt 45° Celsius an. Treppen führen hinab zu steinzeitlichen Höhlenmalereien. Ein Steinrutsch hat den weiteren Weg versperrt. Eine bizarre Steinlandschaft am Mekong mit Blick hinüber auf Laos. Wir lassen unsere Drohne steigen und sie über die Landschaft schwirren. Wie ein gigantisches Raumschiff ragt der Fels, auf dem wir stehen, aus dem Boden.
Die Sonne geht unter. Hier, wo sich das schwarze Wasser des Mun-Flusses mit dem weißen Wasser des Mekongs vereint, starren wir hinaus auf den orangefarbenen Feuerball von Sonne. Der Himmel färbt sich zartrosa, während die Sonne tiefer und tiefer sinkt. Ein letztes Fischerboot legt an, dann fällt die Nacht über uns her. Frösche und Zikaden kommen aus ihren Verstecken. Am anderen Ufer – Laosseite – brennt ein großes Feuer. Musik und Lachen. Fledermäuse kreisen, das kalte Bier schmeckt in diesem Augenblick unvergesslich gut.
Ganz in der Nähe liegt der riesige Sirindhorn-Stausee. Ein Damm erzeugt Strom durch Wasserkraft, zusätzlich sorgt eine Floating-PV-Anlage mit 45 Megawatt installierter Leistung für umweltfreundliche Energieproduktion durch Sonnenlicht. Ein großartiges Projekt, das von touristischer Infrastruktur rund um den See begleitet wird. Vom eigens eingerichteten „Nature-Skywalk“ lässt sich die technische Anlage bestaunen. Es gibt Tempel und Festivals, Badestellen und Cafés, Campingplätze und Gästehäuser.
Es dämmert über Udon Ratchathani. Wie gefühlt immer auf dieser Reise stehen wir an der Grenze und blicken von einem Berg hinab auf weites, laotisches Land. Keinen Kilometer entfernt liegt der Grenzübergang Chong Mek. Doch wir sind nicht wegen der Aussicht gekommen, sondern wegen des Tempels Sirindhorn Wararam Phu Phrao. Mit uns strömen dutzende weiterer Besucher die Treppen zum Tempel hinauf. Wir sind – wie so oft – die einzigen Farangs.
Als die Sonne sich dem Horizont nähert, beginnt das Schauspiel. Muster auf dem Boden, feine Linien an den Tempelwänden, Bilder und Verzierungen beginnen zu leuchten. Sie fluoreszieren und hüllen den gesamten Tempel in ein magisches Licht. Umso dunkler es wird, umso deutlicher tritt das Kunstwerk hervor. Laos versinkt in Dunkelheit, der Tempel bleibt hell erleuchtet.
Ubon Ratchathani am Smaragdenen Dreieck ist eine spannende Grenzregion: Geprägt von den Flüssen Mun und Mekong, den schroffen, steinigen Plateaus entlang der laotischen Grenze und dem tropischen Dongrek-Gebirge Richtung Kambodscha. Nicht alle dieser Regionen sind zugänglich – wegen des Grenzstreites mit Kambodscha ist das Smaragdene Dreieck nur teilweise bereisbar. Obwohl der Isaan zu den wirtschaftlich ärmsten Gegenden Thailands gehört, hat es Ubon geschafft, Touristen und westliche Auswanderer anzulocken. Wer etwas „authentisches“ Thailand sehen möchte, auf Partys und Meer keinen allzu großen Wert legt, ist hier am östlichsten Ende von Thailand genau richtig.
