Transnistrien

Ein ukrainischer Bus fährt gemächlich über die M16. Knapp vierzig Kilometer sind es bis zur Grenzstadt Strasburg. In unserem Bus sitzen nur wenige Fahrgäste, hauptsächlich Rentner mit tiefen Falten im Gesicht und wettergegerbter Haut. Das Leben hier scheint von einfacher Landwirtschaft und bescheidenen Verhältnissen geprägt zu sein.

Die Grenzbeamten werfen einen Blick in unsere Pässe, kontrollieren unsere Einreisepapiere und wenig später überqueren wir den Dnister. Wir befinden uns nun in Transnistrien, einem international nicht anerkannten De-facto-Staat, der offiziell zu Moldau gehört, faktisch jedoch seit den frühen 1990er-Jahren unabhängig verwaltet wird und politisch wie wirtschaftlich eng an Russland gebunden ist.

Für Reisende kann die Einreise etwas verwirrend sein. Transnistrien vergibt eigene Einreisepapiere, die außerhalb des Gebiets keinerlei Gültigkeit besitzen. Da wir über die Ukraine eingereist sind und somit keinen moldauischen Grenzposten passiert haben, müssen wir später in Chișinău unseren Aufenthalt bei den moldauischen Behörden registrieren lassen, um bei der Ausreise keine Schwierigkeiten zu bekommen.

Doch zunächst einmal willkommen in einer Region, in der die Sowjetunion nie ganz verschwunden zu sein scheint. Lenin-Statuen stehen noch immer auf den Plätzen, Hammer und Sichel zieren öffentliche Gebäude und vielerorts wirkt es, als sei die Zeit vor drei Jahrzehnten stehen geblieben.

Statue in Tiraspol Transnistria

Wir beziehen unser Zimmer in einem einfachen Airbnb. So bizarr wie Tiraspol und Transnistrien ist auch unsere Unterkunft. Ein verwinkeltes Zimmer voller Accessoires, einer Pole-Dance-Stange und einem grottenähnlichen Badezimmer. Sofort brechen wir zu einem Spaziergang durch die Hauptstadt Tiraspol auf. Wir begegnen einer alten Frau mit Kopftuch. Sie stützt sich auf eine Krücke, ihr Rücken ist gekrümmt und an der Leine führt sie eine weiße Ziege. Vor den betongrauen Wohnhäusern haben die Bewohner kleine Gemüsegärten angelegt. Die Bürgersteige sind rissig und von Unkraut überwuchert. Es gibt kaum Autos und überhaupt nur wenige Menschen auf den Straßen.

Am Präsidentenpalast wird deutlich, was Transnistrien ist und was es sein möchte. Eine große Lenin-Statue erhebt sich vor dem Gebäude. Daneben steht eine weitere Lenin-Büste, gegenüber ein alter sowjetischer Panzer. Überall in der Stadt wehen die Flaggen Transnistriens – noch immer mit Hammer und Sichel – sowie die russische Trikolore. Sowjetischer Brutalismus prägt die Architektur. Dem Stadtbild mangelt es vielerorts an Instandhaltung, dem Land an Investitionen und wirtschaftlichen Perspektiven. Die politische Führung pflegt eine stark sowjetisch geprägte Erinnerungskultur und inszeniert Transnistrien als eigenständigen Gegenentwurf zum Westen. Ein Land wie ein Keil am Rande Europas, an der Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Last Man Standing Lenin in Tiraspol Transnistria
Lenin in Tiraspol Transnistria
Tank in Tiraspol Transnistria

Am Fluss Dnister finden wir ein urbanes Idyll. Ein kleiner Flecken Strand und ein goldener Herbstnachmittag, in dem die Wärme eines sterbenden Sommers nachhallt. Ein paar Kanus ziehen vorbei. Die Ruderer winken uns zu und verschwinden kurz darauf hinter der nächsten Flussbiegung. Auf der anderen Flussseite liegt der Verwaltungsbezirk Căușeni, der größtenteils von Moldau verwaltet wird. Nur eine einzelne Ortschaft wird von der transnistrischen Staatsführung beansprucht. Die Grenzen sind unsichtbar und fließend. Sie folgen ungefähr dem Fluss – aber eben nicht immer.

Bald gelangen wir zu einem Skaterpark. Einige Jugendliche üben ihre Tricks. Amerikanische Jugendkultur, wie sie das ausgehende letzte Jahrtausend nahezu die gesamte Welt geprägt hat – selbst dieses abgelegene Fleckchen Erde.

River Tyra in Tiraspol Transnistria

Die Nacht kommt über uns und bläst das Echo des Sommers davon. Es wird empfindlich kalt und wir ziehen unsere dicken Jacken an, während wir durch die Straßen Tiraspols streifen, um ein Restaurant mit lokaler Küche zu finden. Bald darauf hören wir laute, basslastige Tanzmusik aus einem Innenhof dringen. Wir folgen den Klängen und finden uns kurz darauf tatsächlich in einem rustikalen Restaurant wieder. Den Schankraum beansprucht eine Hochzeitsgesellschaft für sich. Die Gäste tragen traditionelle Kleidung und tanzen, wie es schon ihre Eltern und Großeltern auf ihren eigenen Hochzeiten getan haben. Die Stimmung ist ausgelassen, der Alkohol fließt und wir erleben eine unglaubliche Herzlichkeit und Lebensfreude.

Noch bevor wir bestellen können, serviert man uns Wodka, saure Gurken und eine kräftige Bauernwurst. Ein Gruß aus der Küche, der sofort die Kälte aus den Knochen treibt und uns dennoch enger zusammenrücken lässt. Wir haben uns unter Weinranken in einer Ecke des Innenhofs niedergelassen. Dieses bizarre kleine Land hat uns gefangen genommen. Viel zu kurz sind wir hier, quasi nur auf der Durchreise. Und doch können wir nur staunen angesichts all der historischen Kuriositäten und der bis heute so lebendigen Besinnung auf die eigenen Wurzeln und starken Traditionen.

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