Toskana
Die Toskana. Kaum eine andere Region Italiens steht so sinnbildlich für Kultur, die Freude an gutem Wein und Essen sowie für das milde, mediterrane Klima wie diese. Zypressenalleen, die sich scheinbar endlos durch die Landschaft ziehen und zu unscheinbaren Landvillen führen. In der Mittagssonne gedeckte Tische, beladen mit Karaffen von Rotwein und Olivenöl, Pasta und frisch gebackenem Brot. Bezaubernde Städtchen, eingerahmt von sanften Hügeln und Weinbergen. Dazu eine Sprache, die lautmalerisch durch enge Gassen weht, untermalt von treibender Musik.
Und tatsächlich zeigt sich schnell, dass viele dieser kitschigen Bilder gar nicht so weit entfernt von der Realität liegen. Genuss, Handwerk und Geschichte treffen hier, in der Toskana, auf einzigartige Weise zusammen.
Idyllische Landstraßen, die sich zwischen den grünen Hügeln der Toskana hindurchschlängeln, wechseln sich ab mit löchrigen Hauptstraßen, die an alten Industrieruinen und Tankstellen vorbeiführen. Denn auch das gibt es hier: ganz normale Ortschaften, wie sie überall zu finden sind. Gewerbe, betonierte Parkflächen, Discounter und Plastiktüten vom Winde verweht. Wir folgen dem Navi und stehen plötzlich vor einem ausgewaschenen Feldweg. Kein Durchkommen mit unserem großen Toyota Hilux. Später werden wir noch einen schönen Forstweg durch einen Pinienwald auf einen kleinen Berg hinauf befahren und an einer ruhigen Nebenstraße campieren. Nun aber kehren wir um und folgen der offiziellen Straße zur Stadt San Gimignano.
Die beschauliche Kleinstadt der Türme, San Gimignano, liegt etwas nördlich von Siena. Umgeben von Weinbergen und Olivenhainen, in sanften Grau- und Brauntönen, scheint es fast, als habe die Natur selbst dieses Städtchen hervorgebracht. Tatsächlich hatten sich die vermögendsten Kaufleute der Stadt im Mittelalter im Turmbau gegenseitig überboten. Obwohl die Türme selbst ziemlich unpraktisch waren (ihre Räume waren eigentlich zu klein, um darin zu leben oder zu arbeiten), wetteiferten die Handelsfamilien um den höchsten und imposantesten Turm. Sie prägen heute noch diese steinernen Relikte das Bild der Stadt.
So schieben wir uns im Schatten der tief stehenden Morgensonne und im goldenen Herbstlicht durch die schmalen Gassen – zusammen mit hunderten weiteren Touristen. In jeweils zwei gegenüberliegenden Eisdielen am Piazza Della Cisterna lockt das angeblich beste Eis der Welt. Souvenirläden reihen sich aneinander. Eine Pizzabäckerin ruft ihr Mittagsangebot durch die Straßen. Und trotzdem: San Gimignano hat Charme.
Nachdem wir das vermeintlich beste Eis der Welt probiert haben, machen wir uns auf den Weg durch die Toskana. Über kleine Landstraßen und Feldwege suchen wir einen abgeschiedenen Übernachtungsplatz. Schon die letzte Nacht haben wir ungestört in einem Mischwald gestanden – unweit einer Klippe mit bester Aussicht auf San Gimignano. Auch heute werden wir am Rande eines bewaldeten Berges schnell fündig. Pinienbäume über uns spenden Schutz. Ein Schotterweg läuft nah an unserem Stellplatz vorbei, doch wir werden nur wenige Besucher bekommen. Eine Gruppe von Kindern und zwei Wanderer. Jetzt, Ende September, sind die Wälder der Toskana Schauplatz von Treibjagden. Überall hängen Warnschilder und weisen auf die Gefahr hin. In den frühen Morgenstunden hingegen werden sich Fiat-Kleinwagen die ausgewaschenen Pisten hinaufschaukeln, vorbei an unserem Stellplatz. Pilzsucher, die das erste Licht des Tages nutzen.
Wir machen noch einen Abendspaziergang durch diese wundervolle Landschaft. Wilder Flieder. Bunte, uns unbekannte Blumen am Wegesrand. Die Luft ist würzig. Zum Abendessen gibt es Pasta und ein Glas Wein, ehe Mond und Sterne für uns alleine scheinen.
Das Morgenlicht fällt golden auf unser Dachzelt. Obwohl die Luft noch frisch ist, wird der Tag Temperaturen über 20 Grad Celsius bringen. Dass sich der Herbst so warm und sonnig anfühlen kann, können wir als Nordhessen kaum glauben. Während zu Hause Nebel und frühe Dämmerung Einzug halten, beginnt hier ein Tag, der sich eher nach spätem Sommer anfühlt.
Unzählige Dörfer und Städtchen in der Toskana warten noch darauf, von uns erkundet zu werden. Siena, Florenz, Volterra, Grosseto … Jeder dieser Namen steht für Jahrhunderte an Geschichte, für Kunst, Architektur und Kulinarik. Wie so oft auf Reisen wird schnell klar: Am Ende weiß man nicht, wo man anfangen soll, wenn es so viele schöne Orte gibt. Doch anfangen muss man – und manchmal reicht bereits ein erster, flüchtiger Blick, um den Wunsch nach Wiederkehr zu wecken.
So hat sich dieser erste Einblick in das vielleicht schönste Stück Italiens für uns allemal gelohnt: als leiser Auftakt zu einer Region, die Zeit verlangt, aber schon beim ersten Kennenlernen tief beeindruckt.
