Tak
In der Regenzeit liegen die sanften Hügelketten dieser grünen Provinz in einem Meer aus Wolken. In der heißen Jahreszeit, im März und April, wabert gelber Dunst durch die Luft. Brennende Wälder und Reisfelder – meist von den Farmern kontrolliert entzündet – legen sich wie ein Schleier über das Land. In engen Kurven windet sich die Straße entlang der Berghänge und des Moei-Flusses, schmiegt sich an die Grenze zu Myanmar. Dazwischen stehen kleine Holzhütten und Papayabäume. Hier und da funkeln goldene Stupas auf den Gipfeln der höchsten Berge.
Es gibt Höhlen, die tief in das Erdinnere reichen und ein Labyrinth aus Gängen bilden. Da ist die Grenzstadt Mae Sot, einst ein lebendiger Übergang zwischen Thailand und Myanmar, heute – seit dem Bürgerkrieg in Myanmar – nur noch ein Schatten ihrer selbst. Und da ist Tak, die kleine Provinzhauptstadt, in die wir uns vom ersten Moment an verguckten.
Ein kleiner See, ein großer Tempel. Goldregen und Frangipani-Blüten schimmern im goldenen Licht des späten Nachmittags. Auf der Hauptstraße ist nicht viel los. Die Läden und Restaurants eines kleinen Shopping Villages sind geschlossen – sie öffnen nur am Wochenende. Wir flanieren am Ufer des Mani Banphot Swamp entlang. Auf dem Boden liegen Fischgräten und die Samenkapseln der Goldregenbäume. Ein Angler am Wasser wirft uns einen neugierigen Blick zu.
Wenig später suchen wir im Stadtzentrum einen schönen Platz für unser Abendessen im Licht der untergehenden Sonne. Auf dem Nachtmarkt duftet es nach gebratenem Reis, gegrilltem Fleisch, frischen Früchten und gepressten Säften. Ein paar Jugendliche steigen von ihren Motorrollern und hängen vor einem kleinen Laden ab. Kinder malen mit bunten Wasserfarben, ältere Damen verbiegen sich zu Yogafiguren und Mönche schlendern über die Straße.
Wir trinken ein kaltes Bier, essen ein einfaches, aber köstliches Gericht und beobachten, wie die Sonne langsam hinter dem Fluss versinkt. Die Luft ist warm, die Atmosphäre friedlich. Perfekter könnte dieser Abend nicht sein.
Eine Hängebrücke für Fußgänger spannt sich über den Ping-Fluss. Auf der anderen Seite liegt ein beschauliches Wohnviertel. Dort gibt es einen kleinen Stadtstrand, das ein oder andere nette Café und ein paar liebevoll gepflegte Häuser. Jogger kommen uns entgegen, die Brücke schwankt sanft unter ihren Schritten. Ein leiser Sonnenuntergang, leise Stimmen, die ein leiser Wind heranträgt. Unter uns fließt das Wasser dahin, über uns breitet sich die Nacht aus. Die Dunkelheit umarmt uns. Für einen thailändischen Abend im April ist es angenehm mild.
Wir verlassen Tak Richtung Westen und hinein in eine bergige Landschaft. Die Straße, der wir folgen, windet sich in engen Kurven und über steile Anstiege durch den Lan-Sang-Nationalpark. Immer wieder liegen größere Märkte am Straßenrand. Hier verkaufen Farmer und Angehörige der ethnischen Minderheiten, die in dieser Region leben, ihre Erzeugnisse: frisches Obst und Gemüse, Gelees und selbstgemachte Süßigkeiten, Gewürze, Tee und Kaffee.
Es ist ein Genuss und ein Erlebnis für alle Sinne, durch die vollgepackten, engen Gänge zu schlendern. Es riecht, stinkt und duftet. Überall dürfen wir probieren und kosten, anfassen und fühlen. So viele Früchte und Gemüsesorten, die wir nicht einmal benennen können. Für einen kurzen Moment scheint uns Thailand all seine Farben, Gerüche und Aromen auf einmal schenken zu wollen.
Am Straßenrand liegt ein ruhiger Tempel. Buddha sitzt im Lotussitz, versunken in tiefer Meditation, beschützt von der heiligen Naga. Er empfängt die Gläubigen, die hier beten, meditieren oder eine Spende hinterlassen. Ein schmaler, überwucherter Pfad führt hinein in den Dschungel und hinauf auf einen nahen Hügel. Wilde Orchideen wuchern zwischen den Bäumen, Lianen hängen von mächtigen Stämmen herab. Immer wieder biegen Autos von der Schnellstraße ab und setzen einzelne Menschen oder kleine Familien am Tempel ab. Ein kurzer Segensspruch, ein Geldschein in der Spendenbox – schon ist die sichere Weiterfahrt gewährleistet.
Es geht durch die Vororte Mae Sots und dann weiter Richtung Norden. Das Tenasserim-Gebirge geht nur wenige Kilometer südlich von hier in die Dawna-Kette über – eine wilde Gebirgsregion voller exotischer Tiere und teils unberührter Landschaften. Unsere Straße schlängelt sich an bewaldeten Hügelketten entlang, führt durch dichte Wälder, über enge Kurven und steile Abfahrten. Immer näher rückt sie an die Grenze zu Myanmar heran, bis sie schließlich direkt dem Moei-Fluss folgt, der hier das Ende Thailands markiert.
Es gibt nur wenige Ortschaften entlang dieser Strecke. Verstreute Bergdörfer, dazwischen kilometerlange Abschnitte durch dichten Wald. Irgendwann biegen wir auf eine staubige Seitenstraße ab und folgen ihr hinauf zu einem kleinen Kloster. Die Mittagssonne brennt auf uns herab, die Vegetation ist im März karg und ausgedörrt. Eine steile Treppe führt uns auf die Spitze eines kleinen Hügels. Von hier oben sehen wir die blauen Metalldächer der einfachen Häuser in den Dörfern. Wir sehen die Landstraße dahinter. Wir sehen grüne Palmen, ein kleines Flüsschen, ein Tal – und dahinter erahnen wir Myanmar.
Immer wieder halten wir an – immer dann, wenn die Straße den Blick auf die myanmarische Seite freigibt oder direkt an der Grenze endet. Mal, um zu fotografieren, mal einfach nur, um den Blick schweifen zu lassen. Ein mehrmonatiger Aufenthalt in Myanmar verbindet uns mit diesem großartigen Land. Jetzt, da sich die Sonne bereits dem Horizont nähert und der Rauch der brennenden Felder – oder vielleicht ist es auch der Nebel über dem Moei-Fluss, wer kann das schon sagen – durch die Täler wabert, würden wir am liebsten durch den Fluss schwimmen und zurück in diese nahe und zugleich so ferne Welt eintauchen. Auf der myanmarischen Seite sehen wir keine Menschen, keine Dörfer. Nur endlose Landschaften.
Doch die Ruhe trügt. Tatsächlich tobt in Myanmar ein stiller Bürgerkrieg, beinahe vergessen von der Welt. Hunderttausende Menschen mussten ihre Heimat verlassen, viele von ihnen sind nach Thailand geflüchtet. Zahlreiche Burmesen arbeiten heute im Niedriglohnsektor und verrichten Tätigkeiten, die früher häufig von Kambodschanern, Laoten oder Thais übernommen wurden. Andere – vor allem Angehörige der ethnischen Minderheiten, die seit Generationen in dieser Grenzregion leben – harren in Flüchtlingslagern aus und warten auf Frieden. Allein entlang dieser Grenze befinden sich laut dem UNHCR neun Flüchtlingscamps, in denen Zehntausende Menschen leben.
Genau wie die etwas südlicher gelegene Provinz Kanchanaburi überraschte uns Tak mit seinen gewaltigen Wäldern, den von Flüssen durchzogenen Tälern und den sanften Hügelketten. Die wenigen Straßen führen durch malerische Landschaften und kleine Ortschaften. In den Bergen liegen Dörfer ethnischer Minderheiten. In der kühleren Jahreszeit hängen die Wolken tief, Nebelschwaden umhüllen die stupabesetzten Gipfel der Hügel und Berge. Es ist ein magisches, ungezähmtes Fleckchen Erde.
Trotz seiner Schönheit gehört Tak zu den wohl untouristischsten Provinzen Thailands – sieht man einmal von der ehemals bedeutenden Grenzstadt Mae Sot ab. Es gibt keine Strände, keine berühmten Tempel und kaum Sehenswürdigkeiten, die Reisebusse anlocken würden. Tak zeigt ein anderes Thailand: unverfälscht, fernab der perfekt inszenierten Postkartenmotive von Koh Samui oder Phuket. Tak ist rau. Tak ist wild. Tak ist einsam. Tak ist einfach schön.
