Portugal
Portugal als Geheimtipp zu bezeichnen, wäre vermessen. Und doch schafft es das mediterrane Land am Atlantik nicht unter die zehn beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen. Es liegt deutlich hinter Spanien oder Italien, obwohl Reiseziele wie die Algarve, Lissabon oder Porto längst fest zum touristischen Repertoire gehören.
Spätestens seit der Coronapandemie und dem Boom der Camper- und Vanlife-Szene erlebt Portugal einen enormen touristischen Aufschwung. Plötzlich interessierten sich viele für ein unbebautes Grundstück irgendwo im portugiesischen Hinterland. Portugals Strände wurden von Surfern bevölkert und Lissabon entwickelte sich zum angesagten Treffpunkt für digitale Nomaden aus aller Welt.
Und tatsächlich scheint Portugal ein kleines Paradies zu sein. Das Meer ist kaum je weiter als einhundert Kilometer entfernt, das Klima rund um Lissabon steht dem auf Mallorca in nichts nach und wer das Land auch abseits seiner Strände kennenlernen möchte, entdeckt abwechslungsreiche Landschaften, geschichtsträchtige Städte und eine reiche Kultur.
Der Himmel über Lissabon ist strahlend blau, die Temperaturen selbst im Februar angenehm mild. Wir starten den Tag in einer kleinen Bäckerei mit frisch gebackenen Pastéis de Nata und heißem Kaffee, während wir das geschäftige Treiben draußen beobachten. So gestärkt sind wir bereit für diese Stadt.
Lissabon ist ein buntes Potpourri aus Stilen und Stadtvierteln. Die Stadt ist hügelig und von einem dichten Netz aus Gassen, Straßen und Treppen durchzogen, sodass man schnell die Orientierung verliert. 1755 wurde die portugiesische Hauptstadt durch eine der verheerendsten Naturkatastrophen Europas beinahe vollständig zerstört. Ein schweres Erdbeben ließ Häuser einstürzen, ein Tsunami rollte über die Ufer der Stadt und schließlich fraßen sich gewaltige Brände durch die Trümmer.
Die Katastrophe erschütterte nicht nur Lissabon, sondern das gesamte portugiesische Königreich. Zwar befand sich Portugals Kolonial- und Handelsmacht bereits seit dem 17. Jahrhundert im Niedergang, doch das Erdbeben traf das Land in einer ohnehin schwierigen Phase und verschlang gewaltige finanzielle Ressourcen. Der Wiederaufbau der Hauptstadt dauerte Jahrzehnte und markierte zugleich das Ende einer Epoche, in der Portugal zu den prägenden Seemächten der Welt gehört hatte.
Wir laufen hinauf zum Castelo de São Jorge und verweilen einige Stunden in der Burg und den großzügig angelegten Gärten. Die Aussicht über die Altstadt von Lissabon ist von den Mauern und Türmen der Festungsanlage einmalig. Gerade hat ein riesiges Kreuzfahrtschiff am Hafen angelegt und hunderte Tagestouristen strömen durch die Straßen. Die Lautsprecherdurchsagen des Schiffes dröhnen bis hinauf zur Burg.
Wir lassen uns von den Klängen der Straßenmusiker treiben, die an beinahe jeder Ecke spielen. In den Kirchen brennen Gebetskerzen, die Gotteshäuser sind gut besucht – Portugal ist bis heute ein überwiegend katholisch geprägtes Land. Auf den Betonstufen eines Freilichttheaters trinken wir portugiesischen Vinho Verde und essen eine Kleinigkeit. Am späten Nachmittag schlendern wir hinunter zum historischen Praça do Comércio, dem einstigen Handelszentrum der Stadt. Wo früher Händler, Kapitäne und Zollbeamte zwischen Hafenanlagen, Kontoren und Warenlagern geschäftig unterwegs waren, nutzen heute Straßenkünstler und Jugendliche den weitläufigen Platz für ihre Auftritte – oder einfach nur, um den Abend zu genießen.
Über den Tajo spannt sich die Brücke des 25. April. Ihren Namen erhielt sie nach der Nelkenrevolution von 1974, die das Ende der jahrzehntelangen Diktatur einläutete. Das Wasser schwappt gegen die Hafenmauer und der Abendhimmel spannt sein dunkelblaues Zelt über die Stadt. Eine Band hat ihr schlichtes Musikequipment aufgebaut – experimenteller Ethno-Beat-Jazz. Ein Feuertänzer nutzt die musikalische Untermalung für seine Show. Er wirft brennende Fackeln hoch in die Luft und fängt sie gekonnt wieder auf. Flammen wirbeln durch die Nacht, Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Eine kleine Menschentraube hat sich um die Band und den Feuerkünstler versammelt. Sie applaudiert und filmt.
Das Kreuzfahrtschiff im Hafen verkündet, dass die Abfahrt kurz bevorstehe. Wir suchen uns einen gemütlichen Platz am Wasser und warten, bis sich der schwerfällige Meeresgigant langsam in Bewegung setzt und schließlich als winziger Punkt auf dem Atlantik verschwindet.
So endet unser Trip nach Portugal, dem westlichsten Land des europäischen Festlands. Allein, um den Tag mit frischen Pastéis de Nata zu beginnen und ihn mit einem gekühlten Glas Vinho Verde ausklingen zu lassen, lohnt sich eine Reise in dieses wunderschöne Land. Lissabon, einst Hauptstadt eines Weltreiches und einer Seefahrernation mit Kolonien in Amerika, Asien und Afrika, ist bis heute eine der schönsten Städte an der Atlantikküste.
Auch wenn die Preise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind und immer mehr junge Menschen mit Campern und Vans auf der Suche nach dem perfekten Platz am Meer durchs Land ziehen, gibt es noch immer unzählige wunderbare Orte – insbesondere im Landesinneren – , die darauf warten, entdeckt zu werden.
Infos zu unserer Reise
Bislang haben wir nicht allzu viel von Portugal gesehen, doch schon das Wenige, das wir kennenlernen durften, reichte aus, um Lust auf mehr zu machen. Portugal bietet erstaunlich viel Abwechslung auf vergleichsweise kleinem Raum. Wenn ihr die Touristenhochburgen an der Algarve oder rund um Lissabon und Porto hinter euch lasst, erwarten euch im Landesinneren großartige Landschaften mit Korkeichenwäldern, Flüssen, Weinbergen und charmanten Kleinstädten. Der internationale Massentourismus ist hier vielerorts noch deutlich weniger präsent als in anderen Regionen Südeuropas. Ihr könnt euch also auf entspanntere Reiseerlebnisse freuen, ohne sie gleich mit tausenden anderen Besuchern teilen zu müssen.
Portugal eignet sich natürlich hervorragend für einen klassischen Badeurlaub. Doch das Land hat weit mehr zu bieten: Ob Städtetrip, Roadtrip entlang der Atlantikküste oder Rundreise mit dem eigenen Camper – die Möglichkeiten sind vielfältig. Je nach Reiseroute lässt sich ein großer Teil Portugals in zwei, besser noch in drei Wochen gut erkunden.
Portugal war lange eines der günstigsten Reiseziele Westeuropas. Das gilt inzwischen nur noch eingeschränkt. Gerade in den touristischen Regionen rund um Lissabon, Porto oder die Algarve sind die Preise für Unterkünfte in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Außerhalb der Hauptreisezeit und im Landesinneren lässt sich dagegen noch immer vergleichsweise preiswert reisen.
Für ein gutes Abendessen im Restaurant solltet ihr je nach Anspruch etwa 15 bis 30 Euro pro Person einplanen. Pastéis de Nata, Kaffee oder ein Glas Vinho Verde sind hingegen erfreulich günstig und gehören zu den kleinen Genüssen, die man sich auch mit schmalerem Budget problemlos leisten kann.
Den größten Kostenpunkt bilden meist die Unterkünfte. Während einfache Pensionen und Ferienwohnungen im Hinterland oft noch bezahlbar sind, verlangen Hotels in den beliebten Küstenregionen und Großstädten insbesondere in den Sommermonaten häufig deutlich über 100 Euro pro Nacht. Wer flexibel reist und die Nebensaison nutzt, kann jedoch einiges sparen.
Die portugiesische Küche ist bodenständig, ehrlich und überraschend vielseitig. Frischer Fisch und Meeresfrüchte spielen ebenso eine große Rolle wie Fleischgerichte, Eintöpfe, gegrilltes Gemüse und hervorragender Käse. Berühmt ist Portugal außerdem für seine Pastéis de Nata – kleine Blätterteigtörtchen mit Vanillecreme -, die zusammen mit einem Espresso zu jeder Tageszeit schmecken. Insbesondere Chris konnte von dieser kleinen Süßigkeit nicht genug haben und am liebsten hätte er sie jeden Morgen und Nachmittag gegessen.
Besonders gefallen hat uns, dass viele Restaurants auf frische, regionale Zutaten setzen und dabei oft erstaunlich unkompliziert kochen. Ein Glas Vinho Verde oder ein anderer portugiesischer Wein rundet das Essen perfekt ab. Wer gerne gut isst, wird in Portugal nur selten enttäuscht – und das meist zu einem deutlich besseren Preis-Leistungs-Verhältnis als in vielen anderen Ländern Westeuropas.
Hotels in Lissabon, Porto oder anderen, beliebten Küstenstädtchen, sind nicht gerade günstig. Häufig finden sich nette und bezahlbare Airbnbs. Alternativ reist ihr mit eurem eigenen Camper an und könnt so auf Campingplätze ausweichen, die dann doch ein gutes Stück günstiger sind. Übrigens: Wildcampen ist überall in Portugal strikt untersagt. Gerade in Küstenregionen und Nationalparks solltest du unbedingt darauf verzichten und wenn überhaupt auf offiziell freigegebene Plätze ausweichen – oder bei Privatgrundstücken den Besitzer anfragen.
Portugal gehört zu den sichersten Reisezielen Europas. Auch wir haben uns während unserer Reise zu jeder Tages- und Nachtzeit wohlgefühlt. Wie in jeder größeren Stadt solltet ihr jedoch insbesondere in Lissabon oder Porto ein Auge auf eure Wertsachen haben, denn Taschendiebstähle kommen in touristischen Gegenden und öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder vor.
Wer mit dem Auto oder Camper unterwegs ist, sollte außerdem keine Wertgegenstände sichtbar im Fahrzeug liegen lassen. Ansonsten steht einer entspannten Reise wenig im Wege. Größere Sicherheitsprobleme oder Regionen, die wir meiden würden, sind uns nicht begegnet.
Portugal bietet auf relativ kleinem Raum vielfältige Möglichkeiten für Familien – vom Strandurlaub über Städtetrips bis hin zu Naturabenteuern – und das bei einer hervorragenden Infrastruktur. Was will man mehr? Dank der kurzen Distanzen lassen sich auch Rundreisen mit kleinen Kindern gut planen, ohne stundenlang im Auto sitzen zu müssen. Lediglich in den historischen Altstädten mit ihren steilen Gassen und vielen Treppen ist eine Trage oft praktischer als ein Kinderwagen.
Portugal erreicht ihr von Deutschland aus bequem in wenigen Stunden mit dem Flugzeug. Alternativ könnt ihr mit dem eigenen Auto oder Camper über Frankreich und Spanien anreisen. Je nach Startpunkt solltet ihr dafür etwa zwei Reisetage einplanen. Die Straßen befinden sich überwiegend in einem sehr guten Zustand. Lediglich in einigen ländlichen Regionen gibt es unbefestigte Wege. Offroadfahrten sind jedoch nur sehr eingeschränkt möglich, da viele Pisten privat sind, durch Naturschutzgebiete führen oder für den öffentlichen Verkehr gesperrt wurden.
Beachtet außerdem, dass Portugal ein Mautsystem besitzt. Auch Frankreich und Spanien erheben auf den meisten Autobahnen Maut, sodass sich die Anreise mit dem eigenen Fahrzeug finanziell durchaus bemerkbar machen kann. Mietwagen sind in Portugal dagegen häufig überraschend günstig. Prüft daher vorab, ob sich die lange Anreise mit dem eigenen Auto finanziell überhaupt lohnt – insbesondere dann, wenn ihr keine Campingreise plant.
- Wie immer kurz und knapp, diesmal von Reclam – in Geschichte Portugals: Kreutzer, Winfried – eine Reise durch die Epochen: Überblick, Analyse und Erläuterungen widmet sich Winfried Kreutzer auf gut 200 Seiten dem schönen Land an der Atlantikküste.
- Wenn ihr an Portugals Kolonialgeschichte als Seemacht interessiert seid und dabei auch nicht vor akademischem Schreibstil zurückgeschreckt (und vor der Englischen Sprache ebenfalls nicht), dann seien euch diese beiden Teile des emeritierten Professors A. R. Disney ans Herz gelegt: A History of Portugal and the Portuguese Empire: From Beginnings to 1807: From Beginnings to 1807, Volume I: Portugal und A History of Portugal and the Portuguese Empire, Volume Two: From Beginnings to 1807: The Portuguese Empire (Volume 2).
- Eine unbedingte Leseempfehlung ist der einzige portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago, beispielsweise mit dem Buch Die Stadt der Blinden.
