New York City

New York City. Vermutlich die bekannteste Stadt der Welt. Ohne je dort gewesen zu sein, scheinen wir sie bereits bestens zu kennen: So viele Songs, so viele Filme, so viele ikonische Bilder haben uns durch die Häuserschluchten geführt, uns träumen lassen und die Illusion geschaffen, dass uns The Big Apple vertraut ist.

Doch New York City dann wirklich zu bereisen, ist eine Explosion der Sinne. Plötzlich werden Bilder und Filme zur Wirklichkeit. Unsere Vorstellungen treffen hart auf die Realität, explodieren, implodieren, verschmelzen. Gänsehaut auf den Armen, ein kalter Schauer läuft über den Rücken. Die Köpfe im Nacken, um die Spitzen der hoch aufragenden Türme auszumachen. Wir wandeln im Schatten; die Sonne dringt nur selten bis auf den Boden dieses urbanen Dschungels. Wir lassen uns treiben in Manhattan, werden herumgewirbelt, durch die Arterien des U-Bahn-Netzes gespült und an einem neuen unbekannt-vertrauten Ort wieder ausgespuckt. Die Klischees stimmen – und doch ist alles intensiver, dichter, größer als erwartet.

Es bleibt kaum Zeit, Atem zu holen. Der Puls ist hoch, die Eindrücke überwältigend. Ein gelbes Taxi rast vorbei, biegt ab. Brooklyn. Williamsburg. Ellis Island. Liberty Island. Der Blick von Weitem – und noch immer fehlen die Worte.

USA Garage

Am späten Nachmittag kommen wir in New York City an. Von unserer Unterkunft in Brooklyn fahren wir hinüber nach Manhattan. Die Stadt hämmert auf uns ein mit allem, was sie hat: Menschen, Straßenlärm, Wolkenkratzern. Wir lassen uns von den Passanten mitziehen, nehmen die Eindrücke auf, ohne sie wirklich zu verdauen. Plötzlich stranden wir im Washington Square Park. Die Atmosphäre ist ausgelassen. Menschen hören Musik, kühlen sich am Wasser ab, tanzen, reden. Wir setzen uns dazu, hören zu, sehen zu. Es ist ein heißer Sommerabend Ende August. Der Asphalt scheint unter unseren Füßen zu schmelzen, die Hitze flimmert zwischen den Gebäuden. Die Sonne verglüht über uns und hinterlässt einen brennenden Himmel.

Als es dunkel wird, sehen wir das Empire State Building in der Ferne leuchten. Es steht über allem – zugleich nah und unerreichbar. Es zieht uns an, wie Licht die Insekten anzieht. Der verschwommene Traum von New York wird damit ein Stück realer.

Washington Square-Park in New York City
Washington Square-Park in New York City
The Empire Of Light

In den kommenden Tagen stürzen wir uns immer wieder in die unterschiedlichsten Szenen von New York City, tauchen hinab in die U-Bahn, nur um wenig später in einem neuen Viertel wieder aufzutauchen. Immer wieder stehen wir mit zurückgelegtem Kopf vor neuen und zugleich vertrauten Gebäuden, die uns in Staunen versetzen. Alles hier strebt nach oben, alles ist Superlativ.

Im Glas moderner Bürogebäude spiegeln sich die kunstvollen Art-déco-Fassaden historischer Bauwerke. Stahl und Backstein, Beton und Glas. Die geradlinigen Straßenzüge bestimmen die Sichtachsen. Wohin wir auch blicken – wir sind winzige Ameisen in einer Stadt der Giganten.

Schon jetzt wird deutlich: Die wenigen Tage, die wir für New York eingeplant haben, reichen nicht einmal aus, um an der Oberfläche zu kratzen. Wir hetzen von einer Ecke Manhattans zur nächsten, sind gebannt und zugleich erschöpft. Ein Regenguss aus Eindrücken prasselt auf uns ein: One World Trade Center. 9/11. Central Park. Empire State Building. Brooklyn Bridge

Der Regenguss reißt nicht ab.

St. Patrick's Cathedral
Red Steel Sculpture in New York City
One World Trade Center in New York City
Windows in Boston

Zeit für einen Perspektivwechsel. Wir reihen uns ein in die Massen von Menschen, die auf das Schiff wollen. Die Augustsonne brennt auf uns herab, Schweißperlen stehen auf der Stirn. Dann legt die Fähre an, Menschen ergießen sich über das Dock – und schließlich können auch wir einsteigen. Sanft gleiten wir über das Wasser, von Möwen umkreist.

Und plötzlich steht sie da, auf einer kleinen Insel in der Upper Bay: die Statue of Liberty. Grün schimmernd, mit erhobener Fackel – ein Symbol für Freiheit. Sollte die Menschheit eines Tages verschwinden, wird sie vielleicht noch hier stehen, die rechte Hand für die Ewigkeit dem Himmel entgegengestreckt.

Wir genießen die einmalige Aussicht auf die Südspitze von Manhattan. Danach fahren wir hinüber nach Ellis Island, nur wenige hundert Meter entfernt. Wer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Atlantik überquerte, um in die USA einzuwandern, kam mit hoher Wahrscheinlichkeit hier an – um von der Einwanderungsbehörde registriert zu werden. Hier nahm für Millionen von Menschen das Schicksal seinen Lauf. Hier betraten sie ein neues Land, den Kopf voller Träume, die Koffer gefüllt mit den letzten Habseligkeiten aus der Alten Welt.

Manhattan Skyline
Statue Of Liberty
Liberty's Back
New York City Skyline

Eine gigantische Flagge hängt vor der Fassade der Börse, von weiteren, kleinen Flaggen unterstrichen. Eine Nation, gebaut auf Kapitalismus. Das Recht des Stärkeren. Stars and Stripes, Coins and Notes. Rauchende Männer in Anzügen, telefonierend, lachend, stumm. Schwarzer Kaffee, Blick auf die Uhr. Wolkenkratzer und Hochhäuser, gebaut auf Gold, dienen als Tempel. Geleitet vom Bullen mit seiner niederwalzenden Wucht. Der Bär als Schreckgespenst, der aus seinen dunklen Wäldern kommt, um Angst zu verbreiten und zu zerstören. 

Es braucht nur die richtigen Geschichten und einen festen Glauben daran, um aus langweiliger Profanität ein Sancrum zu schaffen.

Wallstreet in New York City

Die vom Sternenhimmel überwölbte Halle des Grand Central Terminal ist eine Reminiszenz an jene Zeit, als die Eisenbahn das entscheidende Mittel war, um einen ganzen Kontinent kulturell, wirtschaftlich und logistisch zu erschließen. Die Halle verströmt einen erhabenen Charme, wie man ihn heute fast nur noch in luxuriösen Shoppingmalls findet: Marmorfußboden, Steinornamente und gediegene Beleuchtung. Indirektes Licht und eine klare Führung von Sichtachsen und Menschenströmen.

Ein Portal in einen anderen Bundesstaat, in eine andere Stadt – vielleicht nur in ein anderes Viertel. Achtundsechzig Gleise, die sich in das weite Land verzweigen, die fortführen von New York City. Die Bahnsteige sind voll von Momenten des Abschieds und des Wiedersehens. Voll von Küssen – zärtlichen wie schmerzhaften. Voll von Umarmungen, von Tränen und Gelächter. Augenblicke aus mehr als einhundert Jahren.

Central Station in New York City

Immer wieder sehen wir seine hoch aufragende Antenne zwischen den Häuserschluchten. Am Tag schimmert sie golden, in der Dunkelheit erstrahlt sie in wechselnden Farben. An einem heißen Nachmittag ist es so weit: Wir betreten die historische, wenn auch wenig eindrucksvolle Lobby des Empire State Building und werden rasch zu den Aufzügen geleitet.

Oben angekommen blicken wir hinab auf diese wahnsinnige Stadt – auf all die Klischees, all die Träume, all die Vorstellungen, die wir von New York City hatten. Dort liegt das ikonisch keilförmige Flatiron Building. In der Ferne ragt das One World Trade Center auf. Vor uns erstreckt sich der Central Park als gewaltige Grünfläche im Norden. Und da ist das Chrysler Building, einst knapp geschlagen im Rennen um den höchsten Wolkenkratzer der Welt.

Unter uns: Häuser und Straßen. Autos und gelbe Taxis wie Ameisen. Ein Gewusel, ein Wimmelbild, ein Puzzle aus unzähligen Teilen. Wir vergessen die Menschen um uns herum, wir vergessen die Zeit. Der Hudson River, die Brooklyn Bridge – alles liegt vor uns, alles wirkt plötzlich so klein. New York City ist die Welt – und hier scheint sie auf einen einzigen, dichten Punkt komprimiert.

Flatiron Building From Above
The Empire Of Shadows
Manhattan from Above
The Empire State Building

Wenn sich die Sonne über einer weiten Landschaft dem Horizont nähert, kehrt mit der Nacht eine fast lautlose Ruhe ein. In einer Großstadt hingegen verändert sich die Energie: Das geschäftige Treiben des Tages weicht einer leicht angetrunkenen Gelassenheit. Aus Diskotheken dringen treibende Beats, Gruppen von Menschen bevölkern Parks, warten vor Restaurants und Clubs auf Einlass. Fröhliches Gelächter, Anspannung und erhöhter Puls.

Lichtermeer und finstere Ecken liegen dicht beieinander. Im Schein der Straßenlaternen offenbart sich eine düstere Parallelwelt.

Menschen legen ihre Arbeitsuniformen ab und tauschen sie gegen die Kostüme der Nacht: kurze Röcke, Abendgarderobe, Ballkleider, Smokings, weit geöffnete Hemden, High Heels, Leinenhosen.

Ein sichelförmiger Mond steht über der Stadt. Der Sommerabend ist lang, am westlichen Horizont glüht der Himmel violett-rot. Im Zentrum dieser gigantischen Metropole liegt der Times Square – ein überbordendes Herz, pulsierend, rastlos, lebendig. Neonreklamen flackern, Musik dröhnt durch die Straßenschluchten. Glas- und Betonfassaden ragen in alle Richtungen empor. Orientierungslos glücklich.

Sunset In The Central Park
Sunset over the Central Park
New York City from Above
Keep Out at Brooklyn Bridge
Evening Skyline of Manhattan
Time Square in New york City

Dunkelheit liegt wie ein glitzerndes Samttuch über der Stadt. Wir stehen am Ufer des East River und blicken auf die Brooklyn Bridge. Sie verbindet den gleichnamigen Stadtteil mit dem Südzipfel von Manhattan. Zur Fertigstellung Ende des 19. Jahrhunderts galt sie als architektonische Meisterleistung. Die Brücke vereint neugotische Steinbögen mit modernen Stahlseilen – ein zukunftsweisender Entwurf für seine Zeit – und wurde schon bei ihrer Eröffnung zu einem Wahrzeichen von New York City.

Unter uns treiben Schiffe lautlos den Fluss entlang. Autos rauschen vorbei, ihre Scheinwerfer ziehen helle Spuren durch die Nacht. Für einen kurzen Moment fegt ein kräftiger Windstoß die drückende Augusthitze fort und lässt uns frösteln. Amerikanische Flaggen wehen im Wind und weisen in Richtung des One World Trade Center, das fern und glitzernd aufragt.

Die Stadt kommt nicht zur Ruhe. Sie fließt, pulsiert, ist zum Bersten gespannt.

Brooklyn Bridge in New York City
Evening Skyline of Manhattan
Brooklyn Bridge in New York City
Evening Skyline of Manhattan

Und dann ist Montagmorgen. Es ist diesig, ein Schleier liegt über den Häusern und dem Wasser. Der Sonne gelingt es nicht, sich durch die tief hängende Wolkendecke zu kämpfen. Die Straßen von Williamsburg sind wie leergefegt. Papierfetzen wehen im Wind. Katerstimmung.

Ein Mann dehnt seine Sehnen und Muskeln, läuft eine langsame Runde um den Sportplatz. Dann breitet er die Arme aus und blickt hinüber nach Manhattan. Die Spitze des Empire State Building ragt in der Ferne – einem Gipfelkreuz gleich – zwischen Bäumen und Hausdächern hervor.

Kurze Zeit später sitzen wir am Ufer von Williamsburg. Alte Industrieanlagen, verrottete Pfeiler im Wasser des East River. Der Lärm von Manhattan, die pulsierende Energie, die summende Elektrizität – an diesem grauen Montagvormittag scheint all das wie fortgeweht.

Dream Big in Williamsburg
Bedford Fruits in Brooklyn
Grey Monday in Williamsburg

Am Nachmittag stehen wir erneut mitten in Manhattan. Die Sonne hat die Wolken vertrieben und scheint wieder heiß auf unsere Köpfe. Wir warten auf den Bus, der uns für nur wenige Dollar nach Philadelphia bringen soll.

Wir haben einige Tage in New York City verbracht. Was für die meisten Städte der Welt mehr als genug Zeit wäre, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Viertel zu erkunden, reicht hier gerade einmal aus, um von einer Ikone der Baukunst zur nächsten zu eilen. Es bleiben nur wenige Momente abseits der Hauptattraktionen – Augenblicke, in denen wir den Alltag, das Leben dieser Stadt und ihre unzähligen Gesichter einfach an uns vorbeiziehen lassen können.

New York ist immer eine Reise wert, und vermutlich gibt es jedes Mal hundert neue Dinge zu entdecken. Diese Stadt ist ein Bienenstock – summend, rastlos, voller Leben. Stets im Wandel, stets gefüllt mit süßem Honig, der anzieht und verleitet, der einen klebrig festhält. In den man langsam einsinkt. Ein goldener, zähflüssiger Honig, dem man nie wieder entkommt.