Mae Hong Son
Im Nordwesten Thailands schmiegt sich die Provinz Mae Hong Son an die Grenze zu Myanmar. Dichte Wälder, sanfte Bergketten und tiefe Täler prägen diese abgelegene Region, die vom internationalen Massentourismus bislang weitgehend verschont geblieben ist. Das kleine Städtchen Pai entwickelte sich in den vergangenen Jahren zu einer beliebten Backpacker-Hochburg. Ebenso bekannt ist der Mae-Hong-Son-Loop – eine rund 600 Kilometer lange Rundstrecke ab Chiang Mai, die zu den schönsten Motorradrouten Südostasiens zählt.
Wir hingegen kommen aus dem Süden – aus der Provinz Tak. Seit Hunderten von Kilometern sind wir kaum einem anderen Touristen begegnet. Am späten Nachmittag erreichen wir Mae Sariang, die südlichste größere Stadt der Provinz. Sie liegt ruhig am Ufer des Yuam-Flusses. Wenig Verkehr, entspannte Abendstimmung in den Restaurants. Ein paar Tempel, ein beliebter Treffpunkt für Motorradfahrer, die auf ihren röhrenden Harleys durch den wunderschönen Norden Thailands touren.
Die gleichnamige Provinzhauptstadt Mae Hong Son ist ein idyllisches Städtchen, umgeben von grünen Bergketten und ruhig dahinfließenden Flüssen. Der Flughafen nimmt einen erstaunlich großen Teil der Stadtfläche ein, doch Flugverkehr gibt es hier nur selten. So liegt eine beinahe dörfliche Ruhe über der Innenstadt. Obwohl der Mae-Hong-Son-Loop bei Backpackern zu den beliebtesten Rollertouren Thailands gehört, begegnen wir hier nur wenigen ausländischen Touristen.
Golden schimmern die Pagoden des Wat Chong Klang. Die Tempelanlage ist im Stil der Shan-Architektur erbaut und erinnert mit ihren filigranen Ornamenten und reich verzierten Holzbauten an das benachbarte Myanmar. Vor dem schmiedeeisernen Tor verkauft eine alte Dame kleine Snacks für wenige Baht. Dahinter liegt ein kleiner See. Koi-Karpfen ziehen gemächlich ihre Bahnen, während Passanten sie mit Brot füttern. Auf dem Nachtmarkt gibt es frisches Obst, gegrilltes Fleisch und süße Fruchtsäfte. Wir kaufen zwei Teller Reis, eisgekühlte Kokosnüsse und Melonen, setzen uns ans Wasser und spüren den prickelnden Abendwind auf unserer schweißnassen Haut. Mae Hong Son schleicht sich in diesem perfekten Moment tief in unsere Herzen.
Sonnenaufgang über Mae Hong Son. Im Osten steigt Rauch auf – die Wälder an den Berghängen brennen. Ein schmales Feuerband frisst sich langsam durch das trockene Gehölz. Während der Trockenzeit werden vielerorts Felder kontrolliert abgebrannt. Immer wieder geraten dabei auch Waldflächen in Brand oder Feuer breiten sich durch Unachtsamkeit unkontrolliert aus.
Mönche besteigen einen Lastwagen, der sie hinab in die Stadt zum morgendlichen Almosengang bringt. Mattgolden schimmern die Spitzen der Stupas im fahlen Morgenlicht. Eine alte Frau hat einen Kessel Kräutertee über einer kleinen Feuerstelle aufgesetzt. Der Tee schmeckt rauchig und vertreibt die Müdigkeit. Gruppen von Frühsportlern haben sich mit uns niedergelassen. Jeden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, machen sie sich an den Aufstieg. Nun sitzen wir zusammen, wechseln ein paar Worte auf Thai, Englisch und Deutsch und beobachten, wie die Sonne langsam über den Horizont klettert.
Das Auto schlängelt sich Kurve um Kurve immer höher. Um uns herum liegt dichter Dschungel: Lianen hängen von gigantischen Bäumen herab, riesige Farne überwuchern den Boden und Moose in allen Grünschattierungen verschlingen alles Organische. Plötzlich überqueren wir eine unsichtbare Höhenlinie und finden uns schlagartig in einer anderen Welt wieder. Statt Würgefeigen und Teakbäumen wachsen hier nun Kiefern. Wir passieren ein kleines Dorf mit Bambushütten, dann eröffnet sich vor uns ein Bergpanorama wie aus dem Alpenvorland: Kiefern säumen das Ufer eines türkisblauen Sees. Kleine Ruderboote gleiten lautlos dahin, Schwäne stecken auf Futtersuche abwechselnd ihre Köpfe ins Wasser und ziehen dabei majestätisch über den See.
An diesem Vormittag bleiben wir und eine kleine Gruppe thailändischer Ausflügler die einzigen Besucher in Pang Oung, der „thailändischen Schweiz“. Im Rahmen eines von König Bhumibol Adulyadej initiierten Aufforstungsprojekts wurde dieses einst abgebrannte und entwaldete Gebiet in den paradiesischen Rückzugsort verwandelt, der es heute ist.
Ein Stück weiter nördlich, keine 500 Meter von der Grenze zu Myanmar entfernt, liegt auf knapp 1.800 Metern Höhe die ursprünglich chinesische Siedlung Ban Rak Thai. Teeplantagen umgeben den kleinen Ort, der wirkt, als gehöre er nicht hierher.
Anfang der 1960er-Jahre ließen sich hier Soldaten der chinesischen Kuomintang nieder, die nach dem chinesischen Bürgerkrieg zunächst nach Myanmar geflohen waren und schließlich nach Thailand gelangten. Später unterstützten viele von ihnen die thailändische Regierung beim Schutz der Grenzregion und im Kampf gegen kommunistische Aufständische. Im Gegenzug erhielten sie die thailändische Staatsbürgerschaft und durften sich dauerhaft hier ansiedeln. Gleichzeitig versuchte die Regierung, den Opiumanbau in der Region durch wirtschaftlich attraktive Alternativen zu ersetzen. Im Rahmen der königlichen Entwicklungsprojekte entstanden Teeplantagen, die heute das Landschaftsbild prägen.
Inzwischen hat sich Ban Rak Thai zu einem beliebten Ausflugsziel für Thailänder und zunehmend auch für internationale Reisende entwickelt.
Müde fahren wir in den Sonnenuntergang hinein, als wir an die Su Tong Pae Brücke gelangen. Umgeben von Teefeldern und Palmenhainen führt diese unscheinbare, kleine Brücke zu einem malerischen Tempel. Bunte Lampions wehen im Abendwind, unter unseren Füßen knarzen und wackeln die Bambussprossen. Ein Hund im nahen Dorf bellt, im Kloster ertönt die Glocke zum Abendgebet. Ansonsten liegt eine vollkommene Ruhe über diesem Ort wie ein Tuch aus kühlender Seide.
Die Provinz Mae Hong Son ist nicht nur für ihre einsamen Berglandschaften an der Grenze zu Myanmar bekannt, sondern auch für ihre zahlreichen Höhlen. Eine der schönsten liegt nahe des Städtchens Pai: die Nam Lod Cave.
Blasse Höhlenfische, angepasst an ein Leben in ewiger Dunkelheit, bevölkern den Teich am Eingang der Höhle. Besucher werfen ihnen Futter zu, sofort stürzen sich Hunderte der Tiere auf die kleinen Brocken. Das schwarze Wasser gerät in Bewegung, überall zappelt und brodelt es.
Gaslaternen werden entzündet, dann führt uns unser Guide tief hinein in die Finsternis. Immer wieder zeigt er uns Stalaktiten und Stalagmiten, die an Tiere oder Menschen erinnern. Er erklärt, dass die Kalkformationen aufhörten zu wachsen, sobald man sie berühre. Über unseren Köpfen hängen Fledermäuse, schmale Treppen führen in noch tiefere Gänge und Kammern. Die Höhle wirkt wie ein endloses Labyrinth unter der Erde.
Schließlich steigen wir in ein schmales Ruderboot und treiben im Schein der Laternen lautlos einen unterirdischen Fluss entlang. Fische begleiten uns, über unseren Köpfen jagen Fledermäuse nach Insekten. Plötzlich fällt Tageslicht durch den Höhlenausgang. Lianen hängen von den Felsen herab, Bäume zeichnen sich gegen den Himmel ab. Da draußen ist wieder die Welt.
Über der Stadt Pai liegen gelbe Rauchschwaden. In diesen Tag gehören die Städte im Norden Thailands zu den Städten mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit. Es ist Burning Season – eine riesige Gefahr für die Gesundheit, Umwelt und den Tourismus in der Region.
Am Abend nach unserer Ankunft schlendern wir durch das Stadtzentrum Pais. Ausländische Urlauber auf Rollern kreuzen immer wieder die Fahrbahn – sie scheinen die mit den thailändischen Verkehrsregeln überfordert, ungeübt im Umgang mit Motorrollern oder schlichtweg betrunken zu sein. Es gibt Stände, die Souvernirs verkaufen. Schäbige Bierbars mit übersteuerten Boxen. Restaurants, die auf niedrige Preise statt auf Qualität setzen. Eine Touristenfalle nach der anderen, so kommt es uns vor. Und überall streunern Hipster und gutgelaunte Backpacker durch die Gassen, auf der Suche nach dem echten Thailand, dem wahren Erlebnis, dem ultimativen Abenteuer.
Am nächsten Morgen flüchten wir aus Pai und halten auf dem Weg nach Chiang Mai am Pai Canyon. Auch hier ist die Luft gelblich und kratzt im Hals. Die Sicht ist eingeschränkt, die Sonne steht senkrecht über uns. Tiefe Risse, Gräben und Täler durchziehen die skurrile Landschaft. Die Wege verlieren sich schon bald in einem Netz aus Abhängen, schmalen Pfaden und riskanten Klettersteigen.
Irgendwo hinter Pai verlassen wir die Provinz Mae Hong Son. In Dutzenden, wenn nicht Hunderten enger Kurven und steiler Serpentinen windet sich die Straße hinaus aus dem grünen Bergland und bringt uns in die Großstadt Chiang Mai.
Gewiss bietet Mae Hong Son nicht die Fülle großer Attraktionen wie andere Regionen Thailands. Es gibt keine Strände, kein Meer und keine berühmten Tempelanlagen. Stattdessen erwarten euch eine nahezu unberührte Bergwelt, die bewegte Geschichte des Opiumanbaus und Straßen, die sich wie Schlangen um Hügel und Bergrücken winden. Wer mit dem Motorrad unterwegs ist und genügend Zeit mitbringt, kann noch tiefer in diese abgelegene Region vordringen – etwa in den Salawin-Nationalpark oder zu kleinen Dörfern ethnischer Minderheiten im westlichsten Zipfel Thailands. Dorthin führen oft nur ausgewaschene Pisten, die sich je nach Jahreszeit lediglich mit Geländewagen oder Enduros befahren lassen.
Mae Hong Son ist Abenteuer. Mae Hong Son ist abgeschiedene Bergwelt. Mae Hong Son ist friedliche Ruhe. Für uns zeigt diese Provinz ein Thailand, das viele Reisende nie kennenlernen – und gerade deshalb einen festen Platz in unserem Herzen gefunden hat.
