Macau
Eine Nacht in Las Vegas: Einmal am Roulettetisch alles auf Rot setzen und groß abräumen. Einmal sich in der Nacht verlieren, den bunten Lichtern, den Live-Shows und dem Glücksspiel verfallen. Linien überschreiten, in großen Autos vorfahren und nur im Hier und Jetzt leben. Das ist die kapitalistische Allmachtsfantasie von Las Vegas. Doch auch in China lässt sich dieser Traum verwirklichen – in gigantischen Casinoresorts, von denen manche ihren amerikanischen Vorbildern bis ins Detail nachempfunden sind. Auch wenn das alles ein wenig gesitteter wirkt – zumindest an der Oberfläche –, kommt Macau dem echten Las Vegas erstaunlich nahe.
Selbst wer sich nicht für Poker, Blackjack oder den Einarmigen Banditen begeistern kann, dürfte hier auf seine Kosten kommen. Macau ist weit mehr als eine Glücksspielmetropole: Über vier Jahrhunderte prägte Portugal die Stadt, bis sie 1999 an China zurückgegeben wurde.
China trifft auf Portugal, Geschichte auf Geschichtslosigkeit, Tradition auf perversierten Hyperkapitalismus – und das alles auf engstem Raum. Seid ihr also bereit für Macau?
Macau gliedert sich in zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten: die historische Altstadt auf der Halbinsel Macau und den modernen Cotai Strip – ein durch Landgewinnung zwischen den ehemaligen Inseln Taipa und Coloane entstandenes Viertel.
Im historischen Teil der Stadt spazieren wir durch ein Gewirr enger Gassen. Von den Ruinen der ikonischen Pauluskirche laufen wir vorbei an Goldfischläden, kleinen Tempeln, Bars und dem malerisch auf einem Hügel gelegenen portugiesischen Fort. Überall blinken die Neonschilder günstiger Hotels. Und dann, als sich die Häuser um uns herum ein wenig lichten, sehen wir sie – die Casinos. Am Tag wirken sie wie schlafende Ungeheuer. Bunte Fassaden, gewagte Architektur. Beeindruckend, aber längst nicht so überwältigend wie ihr nächtlicher Auftritt.
Kurzerhand fahren wir hinauf auf die Aussichtsplattform des Macau Towers. Von hier aus überblicken wir beide Welten: die historische Halbinsel und den modernen Cotai Strip. Hier ein über Jahrhunderte gewachsenes Gewirr aus Gassen und Plätzen, dort ein sorgfältig geplantes Raster aus breiten Straßen, künstlichen Kanälen und monumentalen Hotel- und Casinokomplexen.
Es gibt keine Dunkelheit über Macau. Die Nacht ist nur ein schwaches Glimmen von Schwärze, ein Schatten über den Gassen. Macau ist hell erleuchtet und alles ist auf den Beinen. Das alte Casino Lisboa, eines der ersten Casinos der Stadt, blinkt in den Farben von hundert Regenbogen. Laserstrahlen tasten den Himmel ab. Unbezahlbare Luxusautos stehen vor den großen Häusern. Kristallleuchter, so groß wie Trucks, hängen unter mit Seefahrermotiven verzierten Mosaikdecken.
Zwei Brücken führen über das schwarze Wasser hinüber nach Cotai. Das Venetian bringt eine Nachbildung Venedigs nach China, gleich nebenan erhebt sich ein blau angestrahlter Eiffelturm. Die Hallen der Casinos sind voller Menschen und wirken dennoch beinahe ausgestorben. Still und regungslos sitzen müde Männer vor den Spielautomaten. Es gibt tausende Spielmöglichkeiten – selbst der größte Andrang würde sich auf dieser gigantischen Fläche binnen Sekunden verlieren.
Aus dem Hard Rock Café dröhnt Musik. Eine Frau in roter Abendgarderobe schließt für ein Foto sinnlich die Augen. Wo soll man hier anfangen, wo enden? Alles scheint eine Illusion zu sein. Die Wirklichkeit hat diesen Ort unlängst verlassen.
Am nächsten Morgen ist der Rausch vorbei. Das Wasser in den Kanälen vor dem Venetian liegt spiegelglatt da. Der Himmel ist von einer grauen Wolkenschicht überzogen und die Straßen sind auffallend ruhig. Wer glaubt, Macau bestehe ausschließlich aus Casinos und Glücksspiel, übersieht jedoch einen wesentlichen Teil dieser Stadt. Der Charme der portugiesischen Überbleibsel ist unverkennbar, die Verbindung chinesischer und portugiesischer Kultur faszinierend. Zwar zeigt sich das koloniale Erbe heute vor allem im Stadtbild, doch auch viele Casinos greifen portugiesische Motive in ihrer Architektur und Dekoration auf. In den Bäckereien gibt es noch immer hervorragende Pastéis de Nata und überhaupt eine spannende Fusionsküche. Portugiesisch ist neben Chinesisch bis heute Amtssprache, und zahlreiche Straßenschilder tragen beide Sprachen.
Das macht Macau, neben all dem Irrwitz und den Ausschweifungen der Nacht, zu einem großartigen Ziel für einen Kurztrip. Wer mit offenen Augen durch die Straßen und Gassen schlendert, entdeckt weit mehr als glitzernde Fassaden und Spieltische. Zwischen all dem künstlichen Glanz verbirgt sich eine Stadt, deren Geschichte bis heute spürbar geblieben ist.
Infos zu unserer Reise
Macau bietet auf kleinstem Raum hervorragende Möglichkeiten für einen abwechslungsreichen Kurztrip – und das auf dem Kostenniveau Ostasiens. Plant zwei bis drei Tage für euren Aufenthalt ein. Das gibt euch genügend Zeit, die historische Altstadt auf der Halbinsel Macau und den modernen Cotai Strip mit seinen künstlichen Casinowelten zu erkunden und am Abend vielleicht auch einmal durch die Spielsäle zu schlendern. Fühlt euch dabei keineswegs zum Spielen verpflichtet – es ist völlig normal, die riesigen Casinoanlagen einfach nur zu besichtigen und die außergewöhnliche Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Viele Casinos verbinden ihre Hotels und Resorts zudem mit kostenlosen Shuttlebussen, die auch von Besuchern ohne Hotelbuchung genutzt werden können.
Macau lässt sich hervorragend mit einem Aufenthalt in Hongkong verbinden oder in eine Rundreise durch Südchina beziehungsweise Südostasien integrieren. Die Entfernungen sind kurz und die Verkehrsverbindungen ausgezeichnet. Obwohl Macau zu China gehört, besitzt die Sonderverwaltungsregion bis heute ein eigenes Rechtssystem, eine eigene Währung und eigene Einreisebestimmungen – informiert euch daher vor der Reise über die aktuell geltenden Regelungen.
Macau ist kein günstiges Reiseziel, bewegt sich preislich aber in etwa auf dem Niveau Hongkongs. Gerade rund um die großen Casinoresorts dominieren luxuriöse Hotels und gehobene Restaurants. Wer dort übernachten möchte, muss – insbesondere an Wochenenden und Feiertagen – mit deutlich über 150 Euro pro Nacht rechnen. Deutlich günstiger sind kleinere Hotels und Pensionen in der historischen Altstadt.
Beim Essen habt ihr die Wahl zwischen preiswerten Garküchen und kleinen Restaurants mit chinesischer oder portugiesischer Küche sowie exklusiven Sternerestaurants in den Casinos. Dadurch lässt sich das Tagesbudget sehr flexibel gestalten. Eintritt verlangen weder die Casinos noch die meisten Sehenswürdigkeiten, sodass ihr auch mit einem kleineren Budget viel erleben könnt. Lediglich wer sein Glück an den Spieltischen versuchen möchte, sollte vorher ein festes Limit festlegen – denn in Macau lässt sich Geld vermutlich schneller ausgeben als an jedem anderen Ort Asiens.
Macau ist ein Paradies für Genießer. Kaum irgendwo in Asien treffen chinesische und europäische Küche so passend aufeinander wie hier. Neben kantonesischen Spezialitäten findet ihr überall portugiesische Restaurants, Bäckereien mit frischen Pastéis de Nata und die sogenannte macanesische Küche – eine spannende Mischung aus portugiesischen, chinesischen und weiteren Einflüssen aus den ehemaligen Kolonien Portugals.
Kulinarisch ist für nahezu jedes Budget etwas dabei. Von kleinen Garküchen und traditionellen Teehäusern bis hin zu luxuriösen Sternerestaurants in den großen Casinohotels ist alles vertreten. Unser Tipp: Probiert unbedingt die portugiesischen Eiertörtchen und lasst euch auch abseits der großen Hotelkomplexe durch die kleinen Gassen der Altstadt treiben. Dort entdeckt ihr oft die authentischsten Restaurants der Stadt.
Macau bietet eine große Bandbreite an Übernachtungsmöglichkeiten. Brauchbare Zimmer findet ihr bereits ab etwa 50 bis 60 Euro pro Nacht. Wenn ihr euch etwas Luxus samt reichhaltigem Frühstück gönnen möchtet, seid ihr in den großen Casinohotels bestens aufgehoben. Dort bezahlt ihr – je nach Saison – häufig zwischen 90 und 120 Euro pro Nacht und dürft einen gehobenen Standard erwarten. Für entsprechend mehr Geld sind der Luxus und die Extras nach oben nahezu unbegrenzt. Wir sicherten uns damals einen attraktiven Frühbucherrabatt und übernachteten im Sofitel Macau mit Blick auf das chinesische Festland – eine Unterkunft, die wir uneingeschränkt empfehlen können.
Unabhängig von eurer Hotelwahl sind die Wege in Macau erfreulich kurz. Ein Spaziergang vom Norden bis in den Süden der Halbinsel Macau umfasst gerade einmal rund fünf Kilometer. Die genaue Lage der Unterkunft spielt daher nur eine untergeordnete Rolle. Unsere Empfehlung lautet dennoch: Übernachtet auf der Halbinsel Macau. Von dort erreicht ihr die historische Altstadt bequem zu Fuß und gelangt mit den kostenlosen Shuttlebussen der Casinos jederzeit schnell nach Taipa und Cotai.
Macau zählt zu den sichersten Reisezielen Asiens. Gewaltkriminalität gegenüber Touristen ist äußerst selten und auch nachts könnt ihr euch in den meisten Stadtteilen bedenkenlos zu Fuß bewegen. Die hohe Polizeipräsenz rund um die Casinos trägt zusätzlich zum Sicherheitsgefühl bei. Wie in jeder größeren Stadt solltet ihr dennoch auf eure Wertsachen achten und euch vor Taschendieben in stark frequentierten Bereichen schützen.
Besondere Vorsicht ist hingegen beim Glücksspiel geboten. Die Atmosphäre in den Casinos ist mitreißend und darauf ausgelegt, möglichst viel Zeit und Geld dort zu verbringen. Wenn ihr spielen möchtet, setzt euch am besten schon vorher ein festes Budget und betrachtet das Geld als Unterhaltungsausgabe – nicht als Investition. Dann steht einem unbeschwerten Aufenthalt in Macau nichts im Wege.
Grundsätzlich spricht nichts gegen eine Reise mit Kindern nach Macau, wenn der Schwerpunkt auf Kultur, Geschichte und dem besonderen Flair der Stadt liegt. Es versteht sich jedoch von selbst, dass ein Besuch der Casinos mit Kindern nicht unbedingt angebracht ist. Erwartet außerdem keine große Auswahl an speziellen Aktivitäten für eure Kids. Zwar gibt es eine Handvoll Indoor-Spielplätze und familienfreundliche Attraktionen, doch Natur, Wanderrouten oder Strände findet ihr nur in sehr begrenztem Umfang – vor allem ganz im Süden auf Coloane. Für kleinere Kinder gibt es sicherlich abwechslungsreichere Reiseziele. Ältere Kinder und Jugendliche können hingegen durchaus Gefallen an der ungewöhnlichen Mischung aus chinesischer Tradition, portugiesischem Erbe und moderner Glitzerwelt finden.
Den historischen Teil Macaus auf der Halbinsel könnt ihr problemlos zu Fuß erkunden. Die meisten Sehenswürdigkeiten liegen dicht beieinander und lassen sich hervorragend bei einem Spaziergang entdecken. Nach Cotai bringen euch in wenigen Minuten die kostenlosen Shuttlebusse der großen Casinos – ein praktischer Service, den auch Besucher ohne Hotelbuchung nutzen können. Möchtet ihr weiter in den Süden nach Coloane, stehen euch öffentliche Busse und Taxis zur Verfügung. Aufgrund der kurzen Entfernungen ist Macau insgesamt sehr einfach und unkompliziert zu bereisen.
- Den besten historischen – und zugleich wissenschaftlichen – Überblick findet ihr in Macau History and Society von Zhidong Hao – leider nicht immer und überall verfügbar.
- Ebenfalls wissenschaftlicher Standard und ebenfalls nur schwer erhältlich: Macau: A Cultural Janus von Christina Miu Bing Cheng.
