Washington D.C.
Von Philadelphia kommend entlässt uns der Bus an der Union Station, dem Hauptbahnhof von Washington, D.C.. Die Luft ist würzig warm, der Nachmittag spätsommerlich golden. Ein kilometerlanger Güterzug rauscht an uns vorbei – minutenlang. Wohin mag er fahren? In die Weiten des Mittleren Westens? An die Ostküste? In den subtropischen Süden? Das Land ist groß, die Wege vielfältig. So viele Möglichkeiten, sich zu verlieren oder anzukommen. Den richtigen oder den falschen Pfad zu wählen.
Nun aber sind wir hier, in der Hauptstadt dieses verrückten Landes. Mitten im politischen Herzen, wo bereits im Jahr 2016 ein erster Hauch von Veränderung in der Luft liegt. Menschen, die sich mit ihren T-Shirts offen als Trump-Wähler zu erkennen geben. Republikanische Flaggen in Vorgärten. Die Wahl rückt näher. Noch ahnt kaum jemand, dass Washington, D.C. nur wenige Jahre später selbst zum politischen Pulverfass werden würde.
Etwas gerädert von der Busfahrt schleppen wir uns in die nächste U-Bahn, werfen einen kurzen Blick auf die durchschnittlich spektakuläre Skyline und fahren weiter zu unserem Airbnb. Heute sind wir noch nicht bereit für diese Stadt.
Es ist ein brütend heißer Tag Anfang September. Das Thermometer klettert schnell auf 40 Grad Celsius. Da sind die kühlenden Hallen des Capitols genau richtig, um einen Tag voller Sehenswürdigkeiten gemächlich zu beginnen. Entlang der kilometerlangen National Mall ballen sich die historisch bedeutsamen Momente der US- und Weltgeschichte. Vom Kapitol, dem politischen Zentrum mindestens der USA, über eine Reihe von Museen zur Luftfahrt, Naturkunde und Kunst, bis hin zum Washington Monument und Lincoln Memorial.
Als wir am westlichen Ende am Nachmittag ankommen, haben wir nur einen kleinen Teil der Mall gesehen. Doch wir sind ausgedörrt, haben kein Wasser mehr und bräuchten eine Pause. Dennoch schleppen wir uns unter einer unerbittlichen Sonne über den Potomac-River hinüber zum Nationalfriedhof Arlington. Im kühlenden Schatten eines Lindenbaums dösen wir dahin und sammeln unsere Kräfte.
Plötzlich verdunkelt sich der Nachmittag und schwere Gewitterwolken ziehen auf. Der Himmel färbt sich violettgrau – etwas Bedrohliches kommt auf Washington, D.C. zu. Während wir vor dem Weißen Haus stehen, verschwindet die Sonne hinter einem dichten Wolkenberg. Erste schwere Regentropfen gehen auf dem heißen Asphalt nieder und hinterlassen dunkle Flecken auf.
Die Mienen der Polizisten und Sicherheitsbeamten verändern sich nicht. Unbeeindruckt setzen sie ihre Patrouillen fort, die Waffen jederzeit griffbereit im Holster. Metallgitter, Absperrungen, Kameras auf Dächern. Männer mit Knöpfen im Ohr beobachten jede Bewegung vor den Zäunen dieses berühmten Gebäudes, in dem die Mächtigtsen der Welt zu Besuch sind.
Touristen drängen sich noch immer am Zaun, machen Selfies und schießen hastig Fotos, bevor der Regen stärker wird. Manche lachen, andere diskutieren über Politik, über Hillary Clinton und Donald Trump, über Kriege, Wirtschaft und die Zukunft Amerikas.
Dann bricht das Gewitter los.
Abends, als sich das Gewitter verzogen hat und der Himmel wieder aufklart, sitzen wir in einem afrikanischen Restaurant. Washington im Jahr 2016 ist eine diverse und schöne Stadt. Sie beeindruckt durch imposante Regierungsgebäude, kostenlose Museen und den wohl ikonischsten Regierungssitz der Welt. Ein steinerner Lincoln Memorial wacht über die Hauptstadt und erinnert an das Ende der Sklaverei, an Freiheit und an eine geeinte Nation. Doch wie so oft bleiben Monumente lediglich in die Welt gesetzte Steine. Ihre Bedeutung gerät in Vergessenheit, wird umgedeutet oder ausgelöscht. Eine Gedenkstätte lebt von den Zuschreibungen und Assoziationen ihrer jeweiligen Generation.
Und so ist Washington, D.C. keine Festung der Demokratie, sondern ein politisches Spielfeld. Die Toten in den Gräbern von Arlington können als unnötige Opfer sinnloser Kriege beweint oder als Helden ihrer Nation gefeiert werden. Eine geeinte, freie Nation kann vollkommene Inklusion und Zusammenhalt für alle Menschen bedeuten – oder ein Privileg für die „richtigen“ Leute sein. Und Macht? Macht ist die Kraft, die alles in Bewegung setzen kann – zum Guten oder zum Schlechten.
Es bleiben diese Gedanken, als wir im Nachtbus Richtung Niagara Falls sitzen.
