San Marino
Es ist Mitternacht. Wir folgen engen, kurvigen Landstraßen über den Apennin – immer wieder hinauf, immer wieder hinunter. Endlich erkennen wir das Wahrzeichen des Kleinstaates San Marino: In bunten Farben erleuchtet zeichnen sich die Türme der Befestigungsanlage auf dem Bergkamm ab und erhellen die Nacht. Müde steuern wir einen Wohnmobilparkplatz an und schlüpfen erschöpft ins Dachzelt. Mitte Oktober sind die Nächte hier auf über 600 Meter Höhe empfindlich kalt.
Der nächste Morgen bringt zwar keine Sonne, aber immerhin auch keinen Regen. Im grauen Morgenlicht sieht alles gar nicht so übel aus: saubere Toiletten und eine Parkbank unter einem Kastanienbaum fürs Frühstück. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir die Seilbahn, die uns hinauf in die auf dem Monte Titano gelegene Altstadt bringen wird.
Oben angekommen, eröffnet sich uns ein weites Panorama. Obwohl graue Herbstwolken tief über den Himmel ziehen, ist die Sicht erstaunlich klar. Vom Monte Titano aus liegt das umliegende Land wie eine sanfte Hügellandschaft zu unseren Füßen. Beschauliche Ortschaften schmiegen sich in Täler und an Kuppen, lose verbunden durch schmale Straßen, die sich durch die Landschaft winden. Dazwischen leuchten grüne Flecken aus Wiesen, Feldern und Buschwerk.
Bei gutem Wetter reicht der Blick von der nordöstlichen Seite der Stadt bis zum Adriatischen Meer; selbst Rimini an der Küste soll dann deutlich zu erkennen sein. Heute jedoch bleibt davon nur eine Ahnung: ein blasses Graublau am Horizont, dort, wo etwa zwanzig Kilometer entfernt das Meer beginnen müsste.
Im herbstlich warmen Licht wirkt San Marino wie ein gemütliches Städtchen in luftiger Höhe. Vor dem Regierungspalast parken die Luxuslimousinen des Staatsapparates – sie lassen sich an einer Hand abzählen. Häuser, Gassen und Befestigungsanlagen umweht ein mittelalterlicher Charme. Man ist sichtlich stolz darauf, die älteste noch existierende Republik der Welt zu sein.
Vorbei an den üblichen Souvenir- und Ramschläden, vorbei an Cafés und Pizzerien. Nicht einmal zehn Prozent aller san-marinesischen Staatsbürger leben hier, in der gleichnamigen Hauptstadt San Marino – der Rest der Einwohner verteilt sich auf die übrigen Ortschaften. So kommt es, dass die alte Innenstadt auf dem Titano vor allem ein touristischer Hotspot ist. Doch an diesem herbstlichen Vormittag stören uns die anderen Besucher nicht – im Sommer mag es anders sein, wenn Urlauber aus ganz Italien für einen Tagesausflug hier einfallen.
Unter den letzten grünen Blättern eines Ahornbaums genießen wir einen Espresso und lassen uns den kühlen Wind um die Nase wehen. Nun klart der Himmel auf, die Aussicht ist fantastisch.
Ein herrlicher Spaziergang führt uns entlang des Bergkamms des Monte Titano; wir folgen der mittelalterlichen Befestigungsanlage. Drei Türme mit Burgen ragen imposant in den Himmel und sind schon bei der Anreise von Weitem sichtbar. Die Wälder beginnen gerade, sich bunt zu verfärben. Immer wieder blitzt für einen kurzen Moment die Sonne durch den grauen Himmel.
Je weiter wir uns vom Zentrum der Altstadt entfernen, desto weniger Menschen begegnen wir. Am dritten und letzten Turm sind wir fast allein. Von dort schlagen wir uns in den Wald an der steilen Westseite und folgen einem schmalen Pfad zurück in die Innenstadt.
Die meisten Touristen sind Genießer. Sie wollen ein wenig flanieren, ein wenig umherschauen, ein wenig plaudern. Eine heiße Tasse Kaffee, ein leckeres Mittagessen. Ein Museumsbesuch und ein Selfie vor dem Wahrzeichen der Stadt – als Alibi, einen Ort wirklich bereist zu haben.
Nach einer köstlichen, steuerfreien Pizza – San Marino erhebt so gut wie keine Steuern, der Tourismus ist mit Abstand die wichtigste Einnahmequelle – machen wir uns auf die Suche nach dem Informationsbüro. Auf Google Maps sind mehrere Standorte verzeichnet und es dauert eine Weile, bis wir den richtigen gefunden haben. Zum Glück sind die Wege hier nicht allzu weit und so wird aus der Suche ein weiterer Spaziergang durch die Altstadt.
Schließlich lassen wir unseren Reisepass offiziell stempeln – ein skurriles Souvenir und ein schönes Andenken an diesen Ausflug in den europäischen Zwergstaat. Danach fahren wir mit der Seilbahn hinab ins Tal und marschieren zurück zu unserem Auto. Noch einmal steuerfrei tanken, dann brechen wir zur Rückfahrt nach Deutschland auf. Wir haben San Marino von der ersten Minute an ins Herz geschlossen.
Infos zu unserer Reise
San Marino lässt sich wunderbar mit einem Urlaub in der Toskana verbinden. Beachtet allerdings, dass ihr – von Westitalien kommend – den Apennin überqueren müsst. Eine richtige Autobahn gibt es nicht und ihr werdet nicht drum herum kommen, einen gewissen Teil bergige und kurvenreiche Landstraße zu fahren. Soll heißen: plant etwas Zeit für die Anreise ein.
Ansonsten ist San Marino ein komfortables und unkompliziertes Reiseziel. Obwohl das Land kein Mitglied der EU ist, gehört es dennoch zur europäischen Zollunion (es gibt also keine Grenzkontrollen) und der Euro ist die ofizielle Währung. Ohnehin könnt ihr vom Espresso bis zum Souvenir alles mit Karte bezahlen. Und da San Marino kaum Mehrwertsteuer erhebt, solltet ihr das ausnutzen, um günstig zu tanken, zu schmausen und zu shoppen.
Für ein europäisches Land ist San Marino ziemlich günstig. Erstens lässt sich ab einem bestimmten Mindestbetrag als Tourist steuerfrei shoppen (bzw. die Steuer lässt sich zurückerstatten) und auch auf Dienstleistungen oder im Restaurant zahlt ihr keine Steuer. Eine leckere Pizza könnt ihr so schon für unter zehn Euro bekommen.
Kulinarisch ist San Marino eng mit der benachbarten Emilia-Romagna verbunden. Die Küche ist bodenständig, einfach und ehrlich. Frische Pasta, Piadina, Käse und luftgetrockneter Schinken stehen auf fast jeder Speisekarte. Vieles wirkt vertraut, manches ein wenig rustikaler als im benachbarten Italien. Gegessen wird ohne großes Brimborium. In den Restaurants der Altstadt sitzen Touristen neben Einheimischen, oft an dicht gestellten Tischen. Ein Espresso gehört immer dazu, ebenso ein Glas Wein aus der Region.
In der Nebensaison war dieser Wohnmobilstellplatz der perfekte Ausgangspunkt für unsere Stadtbesichtigung. Er ist keine zehn Minuten von der Seilbahn in die Altstadt entfernt und liegt relativ ruhig und grün zwischen Bäumen. Mitte Oktober gab es neben uns noch eine handvoll anderer Camper. Im Sommer dürfte der Platz ziemlich überfüllt sein. Es gibt ein Toilettenhäuschen für den gesamten Platz (mit Hocktoilette), das anscheinend jeden Morgen gereinigt wird. Wichtig: Der Platz ist völlig kostenlos. Bei Park4Night findet ihr noch weitere solcher Plätze in und um San Marino.
San Marino ist ein absolut sicheres Reiseziel, vielleicht sogar eines der sichersten in Europa.
Auch für Kinder ist San Marino ein tolles Erlebnis. Das beginnt schon mit der Seilbahnfahrt hinauf zur Alststadt auf dem Monte Titano. Die Innenstadt ist autofrei, ihr könnt euren Nachwuchs also herumtollen lassen. Und zuletzt fühlt sich vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Befstigungsanlage wohl jedes Kind in die Zeit von Rittern und Prinzessinnen zurückversetzt – eine großartige Kulisse für Rollenspiele und Abenteuer. Außerdem gibt es tolles und relativ günstiges Essen. Was will man mehr?
Im Land selbst gibt es Busse, um von A nach B zu kommen – auch von Rimini gibt es eine Verbindung. Wenn ihr mit dem Auto anreist, unbedingt auf einem Parkplatz VOR der Innenstadt parken. Seid ihr erst einmal auf dem Monte Titano, könnt ihr euch die wunderbare Stadt zu Fuß erschließen. Aber Achtung: es gibt immer wieder Treppen und steile Wege. Das ist nichts für Rollstühle oder Kinderwagen.
Leider sind uns keine Bücher über San Marino bekannt.
