Schweden
Seit die Camper- und Bulliszene mit Corona explodierte, suchten die Leute nach gut erreichbaren Zielen für ihre vierrädrigen Häuser. Es vergeht nun kaum ein Sommer, in dem wir nicht von allen Seiten her hören: Wir fahren nach Schweden. Oder zumindest nach Skandinavien. Während es uns bislang immer in tropische oder zumindest warme Regionen zog, flüchten in Zeiten des Klimawandels immer mehr Menschen über den Sommer in den milderen Norden. Es passt zum Hygge-Konzept, das uns IKEA verkaufen möchte: die eigenen vier Wände als sicherer und warmer Rückzugsort in dieser kalten, von Krisen geplagten Welt. Genau so sehen auch die Camperfahrzeuge der Reisenden aus: helles Holz, Makrames und Lichterketten. Und der Urlaub in Schweden scheint dieser Philosophie zu folgen: ein einfaches Reiseland ohne Sprachbarrieren, mit Kartenzahlung und vorbildhaft ausgebauter Infrastruktur und Versorgungslage. Sicher und gebändigt und zugleich voller Natur, sodass es im Instagram-Account zumindest nach Abenteuer aussieht.
Soweit unsere Vorurteile. Wir wagen es und fahren in der Hochsaison nach Schweden. Die Südwestküste lassen wir weitestgehend liegen. Wir wollen wissen, ob Schweden im Sommer auch ohne Touristenströme funktioniert.
In einer kalten Julinacht setzen wir mit der Fähre von Fehmarn nach Rødbyhavn in Dänemark über. Auf dänischer Seite verbringen wir die restliche Nacht auf einem Wanderparkplatz nahe der Autobahn. Am nächsten Morgen weckt uns die Sonne und der Tag zeigt, wie schön unser Stellplatz ist. Ein See mit wunderschönem Naturpfad liegt gleich nebenan. Es gibt ein Floß und Picknickbänke zwischen mannshohen Gräsern.
Wieder zurück auf die Autobahn, vorbei an Kopenhagen und über die Öresundbrücke, dann sind wir da: Willkommen in Schweden. Kurz hinter Malmö halten wir in einer Landhausbäckerei für ein typisch schwedisches Frühstück, bestehend aus Zimtschnecken und Kaffee. Anschließend folgen wir der Autobahn im Landesinneren Richtung Vätternsee, Hauptsache schnell raus aus dem vermeintlich touristischen Süden. Der erste Eindruck: weite Landschaften, viel Wald am Horizont und dazwischen verstreut die typisch roten Schwedenhäuser.
Am späten Nachmittag fahren wir mit schwitzigen Händen in die Wälder hinein. Stellplatzsuche in der Hochsaison: Alle freien Stellmöglichkeiten sind besetzt: ausschließlich Bullis mit deutschen Kennzeichen stehen in jedem Wendehammer, jeder Sackgasse und Ausweichmöglichkeit am Wegesrand. Wo ein See in der Nähe ist, scheinen Massen von Campern zu stehen. Irgendwann finden wir dann doch eine idyllische Lichtung in einer Sackgasse. Nicht am See, doch zumindest mit Seeblick. Lektion eins aus dem Schwedenurlaub: Viel Zeit bei der Stellplatzsuche einplanen. Die Deutschen sind überall.
Am nächsten Morgen weckt uns Regenprasseln. Das ist Camping in Schweden im Juli: Frühstück mit dicken Jacken unter dem Regencover. Wir packen zusammen und brechen auf, noch ein gutes Stück Richtung Norden. Mittagessen in Jönköping – wir haben den Vätternsee erreicht. Ab sofort beginnt der Urlaub.
Bald darauf halten wir am Brahehus, einer alten Steinburg. Zur Westseite genießen wir den Blick über Bauerndörfer und den wolkenverhangenen Vätternsee. Zur anderen Seite rauschen die Autos auf einer Schnellstraße vorbei. Der Wind bläst uns um die Ohren, immerhin hat der Regen aufgehört.
Ein amerikanischer Oldtimer vor dem Schloss. Elektronische Musik liegt in der Luft. Kinder spielen im Sand. Eine Schlange vor dem Eisverkäufer. Im Park am Ufer des Vätternsees flanieren Passanten. Szenen aus Vadstena, einer gemütlichen Ortschaft am zweitgrößten See des Landes. In den Sommermonaten treibt es die Schweden aus ihren Häusern. Die Fußgängerzonen sind gut besucht, die Wälder voller Wanderer, Kanufahrer und Mountainbiker. Touristen und Einheimische lassen sich nur in einem unterscheiden: Während die Touristen – meist sind es Deutsche – bei Temperaturen unter 20 Grad Celsius, Wolken und Wind lange Funktionskleidung tragen, genießen die Schweden ihren Sommer in luftigen T-Shirts und Shorts.
Vadstena wird dominiert vom guterhaltenen Schloss direkt am See. Es ist eine Festungsanlage mit dicken Mauern und schwer überwindbarem Wallgraben. Die Burg gilt als eine der schönsten und am besten erhaltenen Renaissanceburg seiner Zeit im ganzen Land.
Über Linköping geht es weiter ins Femöre Naturreservat an der felsigen Ostseeküste. Was heute ein beliebtes Ferien- und Ausflugsziel ist, war im Kalten Krieg eine heiße Grenze: Noch heute zeugen zahlreiche Geschütze und militärische Relikte im Naturreservat davon. Manche der Geschütze sind lediglich Attrappen aus Sperrholz, leicht zu treffende Ziele für vermeintlich russische Angreifer. Die echten Geschütze hingegen waren gut versteckt.
Der Naturpark ist ein kleines Idyll: in den Wäldern und an der Küste liegen vereinzelt Ferienhäuser im markanten Schwedenrot. Eine Festungsanlage thront auf einem Hügel mit Blick auf die See. Die Luft ist frisch, das Wasser sauber. Überhaupt präsentiert sich die Natur in Schweden – zumindest dort, wo den Sommer über nicht immerwährend Camper stehen – von ihrer besten Seite.
Die Hauptstadt Stockholm empfängt uns mit stürmischem Wetter. Dichte Wolken hängen über den Dächern der Gebäude und der Wind bläst so stark durch die Straßen, dass wir uns bei jedem Schritt stark nach vorne lehnen müssen. Nach dem satten Grün und den herrlich ruhigen Seen der letzten Tage erscheint uns Stockholm als graue, öde Betonwüste. So eilen wir unbeeindruckt durch diese saubere, hügelige und von Wasserkanälen zerschnittene Stadt. Vorbei am Parlament, über dutzende Brücken, quer über den Rathausplatz und einmal durch die volle Altstadt mit ihren schmalen Gassen. In den Souvenirläden gibt es Wikingerschwerter und Helme. Die Restaurants setzen auf gute, schwedische Küche. Die Touristen tragen T-Shirts von Metallbands.
Wir laufen rüber nach Södermalm, von wo aus man einen schönen Blick auf das Stadtzentrum hat. Es gibt einen schönen Spielplatz im Olle Adolphsons Park, in dem ein traditionell schwedisches Bauerngehöft nachgebaut ist. Unser kleiner Mann kommt hier natürlich voll auf seine Kosten. Und genau das macht den Urlaub in Schweden wohl so beliebt bei Familien und Hundehaltern: eine hervorragende Infrastruktur für Kinder und Tiere, unkompliziertes Reisen, ein moderner Standard. Unendlich viel Natur und wer es zwischendurch etwas urban mag, auf den warten kleine und größere Städte zur Erkundung.
Wir allerdings haben genug von Stadt und wollen zurück ins Grüne. Als wir gerade in die U-Bahn einsteigen, um zurück zu unserem Auto zu fahren, setzt kalter Nieselregen ein.
Der Regen wird mal stärker, mal schwächer und es scheint, als würde sich die Sonne tatsächlich durch die dichte Wolkendecke kämpfen. Doch dann folgt der nächste Schauer. Kurz bevor wir den Vänernsee erreichen, biegen wir ab in die Wälder. Eine Wellblechpiste führt uns hinein in einen Naturpark von Seen, Mischwald und Wanderrouten am Rande eines militärischen Sperrgebietes. Im Nieselregen bauen wir unser Nachlager direkt am See auf – allerdings auch direkt am Wegesrand. Wir kochen und essen, in Regenjacken gehüllt. Es ist kalt und wir frieren. Also schnell ins Dachzelt.
Am nächsten Morgen weckt uns tatsächlich die Sonne. Es ist ein milder Morgen und wir genießen ein Bad im See, während unsere klammen Klamotten und die Matratze trocknen. Nun haben wir auch Zeit für einen kleinen Erkundungsspaziergang.
Mit dem Campen in Schweden ist es so: Touristen stellen sich mit ihren Fahrzeugen ÜBERALL hin – am Weg, auf den Weg, in Wendehämmer, in Sackgassen, in Ausweichmöglichkeiten, auf Parkplätze … Die Schweden tolerieren das (noch) stillschweigend. Sie genießen die Natur auf ihre Art: mit dem Auto auf den Camping- oder Tagesparkplatz. Von dort geht es zu Fuß, mit dem Mountainbike oder Kanu in die Wildnis. Dort, wo Camper stehen, wird schnell klar, dass es so lange nicht mehr gutgehen kann. Egal wo wir übernachten, immer finden wir Toilettenpapier und Feuchttücher in den Gebüschen, verbrannten Müll in den Lagerfeuerresten, Plastikverpackungen im Wald. Wir begreifen einfach nicht, wie man die Natur vermeintlich lieben kann, nur um sie gleich darauf zu zerstören. Schweden, das hast du nicht verdient, und an diesem Tag schämen wir uns für jeden Camper.
Als Vorort zur Hölle wurde vor hunderten Jahren das Bergwerkgebiet Högbergsfältet bezeichnet. Minenarbeiter im Fackelschein, der Geruch nach Pech und Schwefel in der Luft, das Dröhnen von Explosionen und das Rattern der Wasserpumpen betäubte die Ohren. Heute sind diese Szenen im gleichnamigen Naturpark nicht mehr vorstellbar. Eine friedliche Idylle hat sich über die zerklüftete Seenlandschaft gelegt. Es gibt einfache Wanderwege und Picknickplätze. Am Ende der Route durch den Naturpark wartet ein begehbarer Stollen, der durch dicke Gesteinsschichten in einen offenen, eingestürzten Minengang führt. Ein Glockenturm im skandinavischen Stil ragt auf seinem Hügel hoch über den Wanderern auf und dient als Orientierungspunkt.
Elche gehören zu Skandinavien, wie Giraffen zu afrikanischen Safaris. Da wir bislang noch keinen Elch beim nächtlichen Camping gehört oder gar gesehen haben, steht heute ein für uns obligatorischer Besuch im Elchpark auf dem Programm. Mehr als 300.000 Elche leben in Schweden in wilder Natur, womit das Land die weltweit höchste Elchpopulation besitzt. Die Geweihe der Hirschmännchen sind jetzt, im Hochsommer, noch recht jung, kurz und von einer dünnen Hautschicht überzogen. Zur Paarungszeit im Oktober hingegen werden sie ihre Geweihe kiloschwer und ausladend auf dem Kopf tragen, um damit um das schönste Weibchen zu buhlen.
Die Zeit ins Schweden nähert sich seinem Ende. In kurzer Zeit haben wir so vieles gesehen und sind viel zu viele Kilometer gefahren. Noch einige hundert liegen vor uns.
Nach dem Besuch der Elchfarm machen wir uns auf die Suche nach einem Übernachtungsplatz. Wir haben mittlerweile gelernt, dass die App Camp4Night nicht unbedingt hilfreich ist. Jeder verzeichnete Stellplatz ist ein Garant auf einen deutschen Bulli, der sich bereits am Wegesrand niedergelassen hat. Die Motivation anderer Camper ist uns rätselhaft, denn wir suchen im Urlaub mit dem Dachzelt in allererster Linie die Abgeschiedenheit, die Ruhe, die Einsamkeit unter dem Sternenhimmel. Unser Allrad dient nicht primär dazu, Abenteuer im Schlamm und Sand zu erleben. Sondern dorthin zu gelangen, wo wir ungestört die Natur und vermeintliche Freiheit des Reisens genießen können. Natürlich ist ein Stellplatz am See wunderbar, wenn wir ihn uns aber mit fünf oder noch mehr anderen Campern teilen müssen, ziehen wir eine einsame Lichtung mitten im Wald vor.
So auch heute. Wir finden ein wunderbares, abgeschiedenes Plätzchen in den Tiefen eines Mischwaldes, umgeben von Sümpfen. Eine einfache Schotterstraße bringt uns ins Nirgendwo, ein Wiesenpfad zu einer Lichtung im Wald. Als die Dunkelheit um kurz vor Mitternacht hereinbricht, zeigen sich die ersten Sterne. Eine friedvolle Stille senkt sich herab. Das ist Schweden, wie wir es gesucht haben.
Der letzte Tag ist angebrochen, bevor wir Richtung Heimat aufbrechen. Nachdem wir die tiefen Wälder Schwedens, seine Hauptstadt und die felsige Ostseeküste kennengelernt haben, zieht es uns noch einmal an die Nordsee, um eine ganz andere Art von Landschaft zu bestaunen. Smögen – gelegen am Skagerrak (der Erdkundeunterricht der 6. Klasse lässt grüßen) – ist ein Städtchen, wie wir es hier noch nicht gesehen haben. Das alte Fischerdorf leuchtet in bunten Farben, erinnert fast schon an norwegische Küstensiedlungen. Nun, Norwegen ist nicht weit und das Meer kennt ohnehin keine Grenzen. Während wir uns auf den schmalen Bootsstegen an Touristen vorbeischieben, schieben sich über uns dunkle Gewitterwolken über den Himmel. Wir flüchten gerade noch rechtzeitig in ein Restaurant, während es zu regnen beginnt. Das Gewitter zieht zum Glück vorbei. Während wir inzwischen einen Fischteller genießen, stellen wir erneut fest: Die Schweden lassen sich vom Wetter nicht beirren. Ungeachtet des Regens flanieren sie in Shirts und kurzen Hosen gut gelaunt durch die Stadt.
Nachdem der Himmel aufgeklart ist, laufen wir noch einmal runter zur Küste in eine bizarre Felslandschaft hinein. Ein Segelboot zieht vorbei, auf einer vorgelagerten Insel steht ein Leuchtturm, Sanddornfrüchte leuchten grell orange. Nordseeromantik, wie sie kitschiger nicht sein könnte.
Zwischen Göteborg und Malmö verbringen wir die letzte Nacht am Rande eines Forstweges, ganz in der Nähe eines Sees. Am Morgen ist es furchtbar kühl. Morgennebel hängt zwischen den Bäumen und über dem See. Die Luft ist klar, alles mutet eher nach einem schönen Herbsttag an, dabei ist heute der 1. August. Heiße Sommertage kann man durchaus auch in Skandinavien erleben – wir hatten hingegen eine ziemlich durchwachsene Zeit mit milderen und kühleren Temperaturen, mal Sonnenschein, oft Regen. Typisch nordisch eben.
Wir frühstücken direkt am See, lassen den Blick übers Wasser und die fest getauten Boote wandern. Wir saugen die Natur zum letzten Mal auf, bevor wir uns auf die Autobahn Richtung Heimat begeben.
Kurzer Stopp in Malmö. Die schwedische Großstadt liegt direkt an der Öresundbrücke und bietet vom Turning Torso aus einen wunderbaren Blick auf die Randbezirke der Stadt und die Brücke selbst. An der Uferpromenade ist es an diesem frühen Morgen recht ruhig. Ein paar Spaziergänger, ein paar wenige Mutige, die hier ein Bad in der Ostsee nehmen. Der Ausblick auf die Öresundbrücke – die weltweit längste ihrer Art – ist diesig und nebelverhangen. Schiffe ziehen unter ihr hindurch, zur Nordsee, vielleicht zum Atlantik, vielleicht noch weiter. Die Globalisierung wird an Orten wie diesen fühlbar.
Über die Öresundbrücke nach Dänemark. Wieder vorbei an Kopenhagen, runter bis nach Lolland. Wir kommen genau zur rechten Zeit an das Fährterminal. Die grauen Wolken vom Morgen haben sich verzogen, wir setzen über nach Fehmarn, nach Deutschland, bei bestem Wetter. Auf Wiedersehen Skandinavien.
Und so gleiten wir über die dunkelblaue Ostsee, jede Stunde ein Schiff allein auf dieser Verbindung. Tatsächlich: Ober- und Unterdeck sind voll, jeder Sitzplatz belegt. Obwohl ihr Urlaub vermutlich endet, sind die Reisenden gutgelaunt. Es wird ausnahmslos Deutsch gesprochen. Offenkundig findet hier der Tourismus nur in eine Richtung statt.
Was ist es also, das die Leute an Skandinavien so fasziniert?
Vielleicht ist es die Natur mit ihren Wäldern und Seen. Vielleicht ist es die Freiheit, in dieser Natur mit dem Auto zu stehen, diese Natur somit ganz nah zu erleben und für sich zu beanspruchen. Vielleicht ist es das Gefühl der Obliegenheit, über der Natur zu stehen, ein Abenteurer zu sein, die Wildnis zu meistern. Vielleicht ist es der Rausch, Geld für Gadgets, Ausrüstung, Modifikationen am Fahrzeug auszugeben und diese auf einer sicheren Reise in der eigenen Wohlfühlzone zu testen – ganz ohne in irgendeinen Grenzbereich vorzustoßen. Vielleicht ist es die Entspanntheit der Schweden, die noch müde lächelnd den deutschen Urlaubern ein „Good Morning“ zuwerfen, wenn sie an ungünstig geparkten Autos vorbeidrängen oder über die Hinterlassenschaften der Camper hinwegsteigen.
Ein Sommerurlaub in Skandinavien kann Spaß machen und gefallen. Allerdings wird es voll werden – die Vorstellung von der einsamen Seen-Romantik, verloren in den tiefen Wäldern, ist nicht ganz so leicht zu finden.
Infos zu unserer Reise
Wer mit realistischen Erwartungen nach Schweden fährt, wird sicherlich nicht enttäuscht werden. Das Land ist großartig: Wohin man fährt und schaut, fühlt man sich schlagartig in die Welt von Astrid Lindgren versetzt. Die schwedenroten Holzhäuser, die überall im Land stehen, laden zum Träumen ein. Ein Idyll folgt dem nächsten, vom Wald in den See und dort die herrliche Ruhe genießen. Wallende Felder, sanfte Hügellandschaften. Schweden könnte der perfekte Ort zum Reisen sein, wenn es nicht zwei Punkte gäbe, die das Urlaubserlebnis trüben – zumindest für uns. Da ist erst einmal das Wetter. Wer im Dachzelt unterwegs ist – so wie wir – sollte sich im Klaren sein, dass das Wetter selbst im Hochsommer sehr ungemütlich und unbeständig sein kann. Im warmen, trockenen Bulli lässt sich damit eher leben. Seid auf jeden Fall auf alle Wetterlagen vorbereitet. Zweitens: Man ist nie allein. Das mag sich im hohen Norden ändern, aber zumindest bis zur Höhe von Stockholm hatten wir – immer wenn wir mit Park4Night einen Stellplatz am See für die Nacht suchten – nie wirklich Erfolg. Entweder war der markierte Spot schon von einem (deutschen) Camper besetzt, oder der Spot war definitiv nichts für Dachzeltcamper, da zu nah an der Stadt/Straße/Wanderweg. Die nordische Einsamkeit werdet ihr also selten finden. ABER: Wirklich voll ist es auch nicht. Falls ihr Campingplätze gewohnt seid, werdet ihr in Schweden ausreichend Freiraum finden.
Schweden galt – wie eigentlich alle skandinavischen Länder – immer als sehr teuer. Wir haben das überhaupt nicht so empfunden, das Preisniveau hat sich hier wohl auch in den letzten Jahren angeglichen. Ohne den genauen Vergleich vorgenommen zu haben, empfanden wir die Lebensmittelpreise ähnlich zu Deutschland, wenn überhaupt nur geringfügig teurer. Das Gleiche gilt für Café- und Restaurantbesuche. Erstaunt waren wir beim Blick auf die Zapfsäule beim Tanken – der Dieselpreis war sogar ein klein wenig günstiger als in Deutschland. Zu Hotelkosten können wir nichts sagen, da wir ausschließlich wildgecampt haben.
Beachten müsst ihr allerdings zweierlei: Je nachdem, wo ihr in Deutschland wohnt, machen An- und Abreise nach Schweden schon eine erhebliche Strecke und damit einen erheblichen Teil der Spritkosten aus. So sind es bspw. allein von Frankfurt nach Malmö schon 900 Kilometer, hinzu kommen die Kosten für Fähre und/oder Brücken.
Schweden ist gewiss nicht bekannt für sein hervorragendes Essen. Durch IKEA Berühmtheit erlangt haben zweifellos die Fleischbällchen Köttbullar. In Stockholm gibt es auch vegetarische/vegane Restaurants, die fleischlose Optionen anbieten, allerdings haben uns die eher hohen Preise von einem Versuch abgehalten.
Ansonsten bekannt ist die schwedische Fika – die gemütliche Kaffeepause, die nicht nur daheim mit Freunden und Familie, sondern auch während der Arbeit unter Kollegen zelebriert wird. Sehr sympathisch. Neben Kaffee gehören dazu klassischerweise Zimtschnecken. Auch Kardamom-Gebäck scheint derzeit beliebt in Schweden zu sein.
Abgesehen von diesen beiden Klassikern ist die schwedische Küche deftig und eher traditionell. Aufgrund der Geographie kommen viel Fisch und Wild auf den Teller, dazu Beeren und Pilze. Es gibt auch Käse und wegen der langen Winter wird noch heute vieles eingelegt, um Nahrung auf diese Weise lange haltbar zu machen.
Wie bereits erwähnt, haben wir ausschließlich wild gecampt. Das hat wunderbar funktioniert, allerdings machten wir mit Park4Night eher schlechte Erfahrungen. Wir nutzen die App nun hauptsächlich dazu, Übernachtungsplätze zu finden, wenn wir einmal knapp bei Zeit sind und einen schnellen Stellplatz entlang der Route brauchen – einfach etwas Unkompliziertes und Praktisches. Zudem erschienen uns die meisten Spots eher für Wohnmobile (mit eigener Ver- und Entsorgung) oder zumindest geschlossene Campingfahrzeuge geeignet. Wenn ihr einen Stellplatz direkt an einem Badesee sucht, müsste ihr a) Glück haben, b) euch diesen Spot eng an eng mit anderen teilen oder c) früh ankommen bzw. längere Zeit in der gleichen Gegend bleiben und euch die besten Spots direkt schnappen, wenn sie frei werden.
Tut uns, allen anderen Campern und der Natur aber einen Gefallen: HINTERLASST KEINEN MÜLL! Und das bedeutet: Nehmt alles, wirklich ALLES, wieder mit. Verbrennt keinen Müll, werft nichts ins Wasser, sichert Müll vor Windböen, nehmt euer Toilettenpapier mit (Findet ihr eklig? Viel ekliger ist es, über dutzende Toilettenpapier- und Sch***haufen anderer Wildcamper steigen zu müssen) und vergrabt eure Hinterlassenschaften sorgfältig. Außerdem: Wenn ihr ein altes Auto mit leckender Ölwanne habt – fahrt in die Werkstatt, nicht in den Wald.
Immer wieder gibt es Schreckensmeldungen zur steigenden Kriminalität- und Gewaltrate in (hauptsächlich) schwedischen Großstädten, gerade unter Teenagern und Jugendlichen.
Wir glauben nicht, dass ihr davon in irgendeiner Form beeinträchtigt sein solltet – als Tourist und Camper seid ihr ohnehin vor allem in der Natur unterwegs. Aber Achtung: An großen Parkplätzen (insbesondere entlang von Autobahnen und Schnellstraßen) solltet ihr immer einen Blick auf euer Auto und eure Wertsachen haben.
Für Kinder- und Hundebesitzer könnte es kaum ein besseres Reiseziel als Schweden geben (abgesehen von der eventuell langen Anfahrt). Es gibt saubere, öffentliche Toiletten, eine herausragende Infrastruktur und unendlich viel Natur zum Spielen und Toben. In Städten gibt es tolle Spielplätze und kinder- bzw. hundefreundliche Restaurants mit westlichem Essen. Ihr habt überall die Möglichkeit, in Seen oder gar im Meer zu baden. Das Klima ist mild und ihr habt keinerlei gefährliche Tiere zu befürchten. Außerdem: Wenn ihr wild campt und euch selbst versorgt, kommt ihr – erst einmal in Schweden angekommen – auch als mehrköpfige Familie relativ günstig weg.
Wenn ihr Schweden bereist, wollt ihr sicherlich möglichst viel von der Natur erleben. Daher ist die Reise mit eigenem Auto bzw. Mietwagen eine sicherlich gute Wahl. Sehr beliebt ist Skandinavien auch bei Motorradfahren und ebenfalls mit dem Fahrrad lässt sich das nordische und eher flache Land hervorragend entdecken. Die Straßen sind allesamt sehr gut ausgebaut, allerdings sind viele Nebenstraßen lediglich geschottert. Auch diese Wege sind meistens in gutem Zustand, können aber auch mal Buckelpisten mit Schlaglöchern sein. Lediglich die letzten Meter zu eurem Campingspot im Wald dürften bei nassem Wetter einen Allradantrieb erfordern. Richtiges Offroadfahren ist also nicht angesagt in Schweden.
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